Der Roman „Die Elenden“ von Victor Hugo gehört in Frankreich zur Allgemeinbildung. Er beginnt 1815 in Toulon und endet kurz nach dem Juniaufstand 1832 in Paris, bei dem viele Intellektuelle auf und hinter den Barrikaden ihr Leben ließen. Das daraus entstandene Musical wurde bereits in seiner Urfassung, die zunächst nur für den französischen Markt gedacht war, gezeigt. Wichtige Bestandteile, die für Franzosen überflüssig sind, wurden weggelassen. Zum Glück wurde diese Version von den Machern (Claude-Michel Schönberg (Musik, „Miss Saigon“) und Alain Boublil (Libretto) revidiert, um sie einem weltweiten Publikum zugänglich und verständlich zu machen. Wer allerdings meint, die Geschichte wäre nur für Franzosen und Frankophile interessant, täuscht sich gewaltig. Seit 1985 wurde diese überarbeitete Fassung in über 200 Städten gespielt. Sie gewann acht Tony-Awards und zog weltweit mehr als 60 Millionen Zuschauer an, die sich von der bombastischen Musik und der Geschichte um den Sträfling Jean Valjean, der wegen Diebstahl eines Brots 19 Jahre im Zuchthaus verbringen musste, verzaubern und zu Tränen rühren ließen. „Les Miz“, so der Kosename des beliebten Musicals, schrie also quasi nach einer Verfilmung, nicht nur um seinen Jüngern noch häufiger die Möglichkeit zu geben, dieses unsagbar schöne Stück anzusehen, sondern um auch neue Freunde zu gewinnen. Die Pläne dafür lagen schon länger in den Schubladen. Allerdings erst zwei Jahre nach dem 25-jährigen Bühnenjubiläum begannen die Dreharbeiten.
Nun ist „Les Misérables“ nicht einfach nur ein Musical. Es gehört zu den erfolgreichsten überhaupt. Die Fans vergöttern es nicht nur, sondern können eine große Anzahl an Zeilen mitsingen. Und so werden viele der genannten 60 Millionen Zuschauer Mehrfachtäter sein. Ihnen es Recht zu machen, ist die größte Schwierigkeit. Und so haben sich Cameron Mackintosh, der Produzent der Bühnen- und der Kinoversion, sowie sein Team beinahe krampfhaft an die Vorlage gehalten. Die Möglichkeiten, die großes Kino bieten, wurden nur ansatzweise ausgeschöpft. Die Kulissen wirken teilweise so, als wären sie von der Bühne direkt an den Set getragen worden. Dabei wäre es interessant gewesen, diese eindrucksvolle Geschichte in einem anderen Licht zu sehen, wie es zum Beispiel in der gigantischen Anfangs-Szene der Fall ist. Mit ein paar Dialogen zwischen den Liedern, die die Romanvorlage noch näher hätten bringen können, wäre dieser Film auch für Kenner noch ein bisschen spannender geworden. Das impliziert wiederum: In diesem Musical gibt es keine gesprochenen Dialoge!
Für die „Profis“ bleibt als Spannungsbeilage nur der neue Song „Suddenly“, der von Hugh Jackman vorgetragen wird und eine kleine Lücke im Musical zu schließen wagt. In der Bühnenversion ist nämlich nicht klar, was es für Jean Valjean bedeutet, plötzlich Verantwortung für ein Kind (Cosette) tragen zu müssen. Und so ist der Macintosh ganz stolz, überhaupt eine Mini-Veränderung eingebaut zu haben. Da wäre aber noch eine Menge mehr drin gewesen! Zum Beispiel: Wie kam es dazu, dass die Wirtsleute Thenadiers verarmten?
In „Les Misérables“ gibt es unendlich viele Rollen, die teilweise sehr kurz, aber dennoch tragend sind. Sie tauchen auf, reißen dem Zuschauer das Herz aus der Brust, und verschwinden – meist durch Tod – wieder. Da kann man, wenn man sich nicht zu den „Les-Miz-Profis“ zählt, schon mal durcheinander kommen. Daher folgt hier jetzt eine kleine Einführung in die wichtigsten Figuren:
Hugh Jackman, früher stets auf den Brettern der Musicalbühnen zu Hause, spielt überragend und mit viel Herzblut Jean Valjean, der es durch eine Kehrtwende in seinem geschundenen Leben schafft, Fabrikant, Bürgermeister und Gönner zu werden.
Anne Hathaway, die mit 10 Jahren dieses Musical zum ersten Mal sah (damals spielte ihre Mutter die Fabrikarbeiterin Fantine, die ihr uneheliches Kind Cosette versorgen muss), schlüpft in genau diese Rolle. Ihre Leistung ist einfach nur sensationell. Ihre Mutter müsste vor Stolz platzen. Den Golden Globe hat sie schon gewonnen, der Oscar scheint ihr auch sicher zu sein.
Amanda Seyfried („Mamma Mia“) mimt mit glockenklarer Gesangs-Stimme die zarte und engelsgleiche Cosette, eine Art Cinderella, die von ihrem Adoptivvater Valjean aus dem Elend geholt wurde.
Eddie Redmayne („My Week with Marilyn”) schlüpft in die Figur des Studenten Marius und spielt und singt sich dabei die Seele aus dem Leib. Marius kommt aus sehr gutem Hause, schließt sich aber dennoch der Studenten-Protestbewegung an. Er erhascht einen Blick von Cosette und verliebt sich unsterblich in sie.
Sacha Baron Cohen und Helena Bonham Carter kommen als absolute Traumbesetzung für das schräge Ehepaar Thénadier daher, das mittels einer raffinierten - nennen wir es Choreografie - ihre anfangs zahlreichen Gästen im eigenen Wirtshaus bestiehlt. Ihr Pflegekind, die kleine Cosette (herzzerreißend und zum ersten Mal auf der Leinwand: Isabelle Allen), behandeln sie wie ein Aschenputtel, ihre eigene Tochter Éponine vergöttern sie und staffieren sie aus wie eine Käthe-Kruse-Puppe.
Ebenfalls erstmalig auf der großen Leinwand ist Samantha Barks als erwachsene Éponine zu sehen. Sie, die Tochter der mittlerweile verarmten Thénardiers, verliebt sich ebenfalls in Marius, der in ihr aber nur die gute Freundin und Botengängerin sieht. Barks hatte diese Rolle mehrmals auf der Bühne gespielt. Das von ihr vorgetragene sehr traurige Liebesleidlied „On my Own“ gehört zu den wohl bekanntesten des Stücks.
Colm Wilkinson, der in der Uraufführung 1985 die Rolle des Valjean spielte, ist in der Verfilmung als Bischof von Digne zu sehen. Er nimmt den ausgestoßenen Jean Valjean bei sich auf und bringt ihn dazu, sein Leben zu ändern. Stets an Valjeans Versen klebt allerdings Inspektor Javert (Russell Crowe), da er gegen die Bewährungsauflagen verstoßen hat.
Apropos Ferse, jetzt kommen wir zu dem wunden Punkt der Verfilmung. Wie konnte man eine der beiden Hauptrollen bloß mit Russell Crowe so fehlbesetzen? Keine Frage, er macht sich sehr gut auf dem Filmplakat. Natürlich will und muss man reichlich Tickets verkaufen, damit die Kosten für die Produktion wieder reinkommen. Aber ausgerechnet er, der Oscar-Gewinner, als Javert sorgt für Abzüge in der B-Note. Er wirkt beinahe wie eine Holzpuppe, der es fast peinlich ist, vor der Kamera zu singen. Keins seiner von ihm vorgetragenen Gesangsstücke nimmt man ihm wirklich ab. Auch kommt der bodenlose Hass, den er für Valjean hegt und der ihn dazu treibt, ihn über beinahe zwei Jahrzehnte zu verfolgen, nicht rüber. Javert wirkt in dieser Interpretation wie ein kleingeistiger Inspektor, der vor seinem Chef die Hacken zusammenknallt und einfach nur seiner Pflicht nachgeht. Hat da der Regisseur Tom Hooper etwa weggesehen oder noch versucht, zu retten, was zu retten ist?
Dennoch konnte „Les Misérables“ bereits drei Golden Globes gewinnen und geht mit acht Nominierungen in das Rennen um die Oscars. Russell Crowe gehört freilich nicht zu den Ernannten. Ob es zu einem Preisregen kommt, ist aber ob der großen Konkurrenz beinahe auszuschließen.
Was sich allerdings der deutsche Verleih geleistet hat, wird auf die Vergabe der begehrten Statuen selbstverständlich keinen Einfluss haben. Was sollten bitte die winzigen synchronisierten Wortfetzen zwischen den auf Englisch gesungenen Liedern, indem man beinahe nach Zufallsprinzip hier und da vom Sing- in den übersetzten Sprachmodus umgeschaltet hat? Wollte man die potentielle Anzahl an Zuschauern durch den Untertitel OmU nicht mindern? Dabei ist dieses Kinospektakel das, was es ist, nämlich eine Originalversion mit Untertiteln. Sprich, wer gesungenes Englisch nicht unbedingt versteht und dieses komplexe Geschichte nicht kennt, sollte sich vor dem Film – quasi als Vorbereitung - einmal den Soundtrack auf Deutsch anhören.
Trotz der Einschränkungen ist „Les Misérables“ für sein musicalbegeistertes Publikum ein Fest, zu dem man unbedingt Taschentücher mitnehmen muss.
Zum Schluss noch eine Bitte. Um Ihren Mitzusehern das Spektakel nicht zu vermiesen, wäre es großartig, wenn Sie zumindest während der leisen Passagen auf das Verzehren von Popcorn und das damit verbundene Rascheln der Popcorn-Tüten verzichten könnten. Herzlichen Dank im Namen aller Musical-Fans.
Wertung: 9 von 10