My Week with Marylin

Man will oft nur das sehen, was einem das Auge vorgaukelt. Daraus machte Marylin Monroe eine Tugend, an der sie allerdings zerbrach. Auch wenn sie auf Knopfdruck die von ihr bis ins letzte Detail verkörperte Sexgöttin heraus lassen konnte, war sie am Ende des Tages eine kleine schüchterne Kindfrau, die sich nichts sehnlicher wünschte, als einfach nur geliebt zu werden. Und zwar nicht für ihre Rolle als MM, sondern als die Norma Jeane, die durch eine schreckliche Kindheit zutiefst traumatisiert wurde. Selbstverständlich prallten da in nur einem Körper zwei völlig unterschiedliche Welten zusammen, mit der ihr Umfeld erst einmal klar kommen musste. Das galt natürlich nicht nur für ihre Männer, sondern auch für die vielen Kollegen, mit denen sie bei Filmarbeiten zusammen arbeitete. Schnell konnte man sie als oberflächliche Diva abqualifizieren, den Blick in ihr Inneres und in ihre Garderobe gewährte sie aber nur wenigen Vertrauten. Hier saß sie von Selbstzweifeln und Ängsten gepeinigt und war somit nicht in der Lage, pünktlich am Set zu erscheinen.

Für ihren Dreh zu „Der Prinz und die Tänzerin“ wird sie zunächst von ihrem Ehemann Arthur Miller nach England begleitet. Für Marylin ein wichtiger Halt, ihm geht der Starrummel aber schnell auf den Geist, so dass er schnell das Weite sucht. Nun steht sie mit ihren Neurosen mehr oder weniger allein da. Diese werden von Regisseur und Co-Star Sir Laurence Olivier durch sein arrogantes Auftreten ihr gegenüber noch befruchtet. Er, der als einer größten Schauspieler seiner Zeit galt, neidete MM die Aufmerksamkeit der gesamten Weltpresse. Sie wiederum bewunderte ihn für sein Talent als Schauspieler. Auch hier prallten zwei Welten zusammen, die die schüchterne Marylin völlig aus der Bahn warfen. Sie kam ständig zu spät, vergaß ihren Text und brachte den Regisseur an den Rand des Wahnsinns. Was aber nach vielen Klappen im Kasten war, war einfach umwerfend. Dagegen verblasste der große britische Mime direkt, was seinen Neid auf dieses Blondchen, das niemals Schauspielunterricht genommen hatte, noch verstärkte. Einen Beschützer am Set fand sie in dem adligen wohlerzogenen und schüchternen Produktions-Assistenten Colin Clark, der gerade sein Oxford-Studium beendet hatte.  Er verliebt sich in diese verletzliche Frau und nicht in den Mythos. Über seine Erlebnisse während der Dreharbeiten schrieb er das Buch „My Week with Marylin“. Diese feinfühligen Erinnerungen liegen diesem wunderbaren Film zu Grunde.

Um einen Film über den größten Filmstar seiner Zeit zu drehen, braucht man erst mal eine Schauspielerin, die diesen auch verkörpern kann. Mit Michelle Williams ist den Produzenten ein wahrer Glücksgriff gelungen. Sie sieht der Monroe zwar überhaupt nicht ähnlich, ist aber trotzdem dermaßen beeindruckend in ihre Haut geschlüpft. Sie spielt sie so anrührend, dass es beinahe weh tut. Dieser Kummer wird noch verstärkt, wenn man daran denkt, dass Heath Ledger, der Vater ihrer Tochter, ebenfalls an seinem Ruhm zerbrach und durch eine Überdosis an Medikamenten verstarb. Vielleicht hat dieser Schicksalsschlag dazu beigetragen, dass sie die MM so brillant, echt und in keinster Weise übertrieben darstellen konnte. In „My Week with Marylin“ wird der Tablettenkonsum der Monroe gekonnt eingewebt. Sie brauchte viele verschiedene Pillen, um mit dem Druck und ihren Ängsten besser umzugehen. Wie die Geschichte endete, weiß ja jeder. Trotz der großartigen Leistung von Michelle Williams, die mit einem Golden Globe belohnt wurde, ist dieser Film keine One-Man-Show. Sir Laurence Olivier wird ganz großartig von Kenneth Branagh dargestellt. Eddie Redmayne, der als junger Laufbursche Colin Clark agiert, überzeugt da kein bisschen weniger. Zu schön, wie er nicht nur schmachtet, sondern mit viel Herz und Einfühlvermögen das Vertrauen der Filmgöttin gewinnt.  Abgerundet wird dieses Ensemble von der umwerfenden Judi Dench als verständnisvolle Nebendarstellerin in „Der Prinz und die Tänzerin“.

„My Week with Marylin“ ist eine großartige Hommage an einen Mythos. Trotz des sehr ehrlichen Blicks auf die Scheinwelt, in der die Monroe als Hauptdarstellerin perfekt agierte, wird sie in diesem sehenswerten Film kein bisschen verraten. Man bewundert sie auch noch 50 Jahre nach ihrem Tod, empfindet aber auch so etwas wie Wehmut, Mitleid und Trauer für diese wunderbare Frau.

Wertung: 9 von 10

 

 

 

Best Exotic Marigold Hotel

Nicht mehr ganz taufrisch ist die Gruppe an Engländern, die sich auf den Weg nach Indien macht. So wirklich freiwillig ist das Unterfangen bei den meisten nicht. Es passt eher zu dem pragmatischen Sprichwort: In der Not frisst der Teufel Fliegen. Douglas (Bill Nighy) hat zum Beispiel seine ganzen Ersparnisse in das Start-Up-Unternehmen seiner Tochter gesteckt, das nicht den Anschein erweckt, jemals aus den Startblöcken herauszukommen. Das übrig gebliebene Geld reicht gerade mal für eine Zweizimmerwohnung im Betreuten Wohnen, die praktischerweise schon mit einem Notklingelknopf und allerlei anderen Hilfsmitteln für altersschwache Herrschaften ausgestattet ist. Feine Aussichten für ihn und seine Gattin (Penelope Wilton). Evelyn (Judy Dench) gehört zu den Ehefrauen, die sich vertrauensvoll in die Hände ihrer Ehemannes begeben hat. Dabei hat sie komplett den Anschluss verpasst und den Überblick über die Finanzen verloren. Jetzt ist sie plötzlich Witwe und muss nicht nur mit ihrer Trauer fertig werden, sondern sich auch noch durch den hinterlassenen Scherbenhaufen kämpfen. Muriel (Maggie Smith), das Beispiel par excellence für die garstige Spinatwachtel, lässt sich in England nicht mal von einem Arzt behandeln, der kein wie im Buche stehender Brite ist. Dabei hat sie Hilfe so nötig. Denn ihre Hüfte ist hinüber, sie braucht dringend eine neue. In ihrer Heimat müsste sie sechs Monate warten, in Indien könnte man ihr sofort helfen. Noch mit im Bunde: Der schwule Richter Graham (Tom Wilkinson) auf der Suche nach seiner großen Ex-Liebe, der wollüstige Norman (Ronald Pickup), der nicht mehr so kann, wie er gern will, und die ebenso ewig schmachtende Madge  (Celia Imrie). Selbstredend, dass diese Mischung hochprozentiger ist als ein Bombay Sapphire. Diese Alten und Schönen, die Hauptzielgruppe des „Best Exotic Marigold Hotel“, folgen also dem Ruf des Hochglanzprospekts, der einen viel cooleren und respektvolleren Lebensabend als ein herkömmliches Altersheim in England verspricht. So weit hat die Broschüre ja auch recht. Allerdings musste Photoshop dem überaus stolzen Hotelbesitzer Sonny (Dev Patel, “Slumdog Millionaire”) beim Aufhübschen seines „Start-up-Anwesens“ ganz schön zur Seite stehen. Denn leider gleicht das Hotel eher einer Bruchbude als einem exotischen Traum. Kein Problem für den agilen Sonny, der nach der indischen Philosophie lebt „Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es auch noch nicht zu Ende“. Sehr schön, aber was sagen die Briten dazu?

Die Idee von John Madden, von der Gesellschaft ausgemusterte Alte aus ihren kahlen Räumen der altersgerechten Einrichtungen zu befreien und ausgerechnet nach Indien zu verfrachten, ist schon mal ein überaus exzellenter Einfall. Auf der einen Seite werden sie hier wie die Königinnen und Könige der Nacht behandelt, auf der anderen Seite müssen sie den Kulturschock erst einmal verkraften. Eine Überdosis für die Sinne prasselt auf sie ein. Nicht nur die schönen Farben, die überaus freundlichen Menschen und die exotischen Gerüche sind da im Spiel. Es wimmelt und wuselt, es ist laut und schmutzig, es ist heiß und schwül. Und vor allen Dingen lauert an jeder Ecke mindestens ein Inder. Damit muss man natürlich rechnen, wenn man nach Indien reist. Schwer, wenn man sein ganzes Leben nie aus England herausgekommen ist.

Um dieses Projekt umzusetzen, hat der Regisseur nicht gekleckert, sondern richtig geklotzt. Er hat ein großartiges Drehbuch und fabelhafte britische Schauspieler zu einer Creme de la Creme zusammengemischt, die mit sehr viel englischem Humor angereichert wurde. Diesen wunderbaren Akteuren auf der Leinwand zuzusehen und an ihren beißend komischen Dialogen teilhaben zu können, ist eine diebische Freude. Und das nicht nur für alt, sondern auch für jung!

John Madden sagt, dass es wohlmöglich die erste und auch die letzte Generation ist, die sich diesen verheißungsvollen Trip leisten kann. Also, schon mal das Sparschwein aufstellen, damit der Regisseur nicht recht behält. Denn diese Aussicht hätte wirklich etwas Atemberaubendes.

9 von 10

Die Eiserne Lady

Eine alte Dame schlurft durch die Gänge ihrer Altbauwohnung. Sie unterhält sich mit ihrem Ehemann, der schon längst tot ist. An guten Tagen schafft sie es,  in ein Lebensmittelgeschäft zu gehen, um Butter einzukaufen und mit dem Kassierer über Preise zu diskutieren. Natürlich vergisst sie, dass ihre Tochter zu Besuch kommen will. Aber das Langzeitgedächtnis funktioniert noch ganz gut. Es bringt immer wieder Erinnerungsfetzen aus der Vergangenheit ans Tageslicht. Immer wieder gibt es lichte Momente, in denen sie ihrem Arzt vorspielen kann, wie gesund sie doch ist. Alles zusammen nicht nur typisch für Alzheimer, sondern sehr tragisch und ans Herz gehend. Was für ein trauriger Lebensabend. Nun ist unsere alte Dame nicht irgendeine Patientin. Ihr Name ist Margaret Thatcher. Verkörpert wird die als Eiserne Lady bekannte Politikerin von der großartigen Meryl Streep, die für ihre Darstellung völlig verdient ihren dritten Oscar erhalten hat. Ansonsten wurde dieser Film in keiner weiteren wichtigen Kategorie nominiert. Das macht zu Recht stutzig.

Was ist also schief gelaufen? Schlussendlich ist „Die Eiserne Lady“ ein Kammerspiel, in dem Meryl Streep als kranke Lady brilliert und zutiefst berührt. Schaut man einer geliebten, an Alzheimer erkrankten Person in die fragenden Augen, die sein vertrautes Gegenüber nicht einordnen können, dann tut das sehr weh. Keine Frage, dass man der großartigen Schauspielerin jede Sekunde ihrer Darstellung, jeden rätselnden Blick, all  ihre Angst, ihre Dialoge mit dem verstorbenen Ehemann  sowie jeden schlurfenden Schritt abnimmt. Das wäre allerdings bei jeder anderen No-Name-Erkrankten auch so gewesen. Freilich wären dann die Ausflüge in die Vergangenheit nicht so von Weltinteresse. Man mag es als gute Idee empfinden, dass der Dreh- und Angelpunkt des Films  in Maggies Altersruhesitz verlegt wurde.  Mit dieser Sichtweise empfindet man die häppchenweise aus Erinnerungsfetzen bestehende Lebensgeschichte bestimmt  auch nicht als störend. Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen, da man diese Finte, beinahe ein ganzes Leben einer Politikerin in einem Film unterzubringen, als unbefriedigend empfindet. Dieser Eindruck hat dann auch nichts damit zu tun, dass man mit der Politik und Ideologie der Thatcher nicht einverstanden war, was wiederum die Kulturabteilungen diverser Zeitschriften den Kritikern bzw. der Academy  unterstellen.  Der eine oder andere Vorwurf aus den Feuilletons dieser Welt besteht jetzt darin, die Eiserne Lady wäre nicht mit Lobeshymnen und Nominierungen überschüttet worden, da der Film mit Margaret zu unkritisch umgehe. Das ist natürlich absoluter Quatsch. Das Gesamtwerk, dessen Titel nun mal eine Biografie suggeriert, ist einfach nicht geglückt. Das hat auch nichts damit zu tun, dass man den weichen Seiten der harten Lady nichts abgewinnen kann oder es sich gar gewünscht hätte, dass die Dame ordentlich eins ausgewischt bekommt. Das Interesse an den Krankheitssymptomen reicht einfach nicht bei  jedem Zuschauer für einen abendfüllenden Film aus. Trotzdem muss man die zum Niederknien phänomenale Streep einfach gesehen haben. Ansonsten verpasst man was.

Fazit: 60% für den Film plus 20% on Top für die frischgebackene Oscar-Gewinnerin.

The Descendants

Als Israel Kamakawiwo’ole mit seiner  wundervollen Version von „Somewhere over the Rainbow“ wochenlang die Charts beherrschte, da bekamen sicherlich viele Menschen, die noch nie auf Hawaii waren, eine Vorstellung davon, wie malerisch schön es wohl dort sein muss.  Dass diese Idylle ein Satz mit X ist, davon erfährt der Zuschauer gleich am Anfang von „The Descendants“ (Der Nachkomme).  Matt Kings (George Clooney) Stimme aus dem Off erklärt, dass der Krebs auf Hawaii genauso schmerzhaft ist wie woanders auf der Welt, um nur eins der traurigen Beispiele zu nennen, die er aufzählt. Er selbst kann davon ein Lied singen, das sicherlich nicht so verzaubert wie das oben erwähnte.

Seine Frau Elisabeth liegt nämlich nach einem schweren Unfall  im Koma, von dem sie nicht mehr erwachen wird. Er erfährt nicht nur von den Ärzten, dass laut ihrer Patientenverfügung demnächst die Geräte abgeschaltet werden müssen, sondern auch von seiner 17-jährigen Tochter, dass Elisabeth einen Liebhaber hatte. Der Familienvater von zwei Mädchen hat sich immer nur als Ersatzelternteil gesehen und sich stets mit anderen Dingen beschäftigt. Als ein Nachkomme des letzten Königs von Hawaii gehört ihm unendlich viel Land. Ein letztes Stück unberührter Natur soll nun verkauft werden, da hatte er vor Elisabeths Unfall alle Hände voll zu tun, da war nicht mal mehr eine frei, um seine Frau während der letzten Tage ihres Lebens anzurufen. Um den Gefühlscocktail, bestehend aus Entsetzen, Trauer, Angst und Eifersucht, der durch seine Adern rast, beneidet ihn sicherlich keiner. Dazu gesellt sich noch die Unfähigkeit, mit seinen Kindern zu kommunizieren. Er bemüht sich zwar, aber wirkt dabei sehr unbeholfen. Auf Rat der Ärzte macht er sich auf den Weg, um Freunde und Bekannte zu informieren und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich von Elisabeth zu verabschieden. Ihren Lover möchte er auch aufsuchen, weil er meint, dass seine Frau das sicherlich so gewollt hätte. Mit dabei sind seine beiden Mädchen und der leicht verplant wirkende Freund seiner Teenie-Tochter. Dass der gehörnte Ehemann dabei in entsetzlich peinliche Situationen gerät,  ist offensichtlich. Auch dass er auf diesem Trip zu sich selbst und seinen Töchtern zurück findet, ist keine Überraschung. Dennoch wird diese Geschichte so herzzerreißend und bemitleidenswert komisch erzählt, dass kaum ein Auge trocken bleibt.

Regisseur und Drehbuchautor Alexander Payne („About Schmidt“)  hat ein besonderes Faible für schrullige Typen. Wenn diese dann auch noch in einer Umbruchphase stecken, dann sind sie für ihn wie gebacken. Damit kommen wir auch gleich zur großen Preisfrage. Nimmt man ausgerechnet George Clooney, einem der smartesten und attraktivsten Männer des Universums, diesen Kauz ab? Oh, ja, das tut man. Das liegt nicht nur an den seltsamen Hawaii-Hemden, die er – vorzugsweise in die Hose gesteckt – tragen muss. Auf den hawaiianischen Inseln gehören diese modischen Entgleisungen auch unter Geschäftsmännern zum guten Ton. Es liegt vor allen Dingen an seinem grandiosen Schauspiel. Man nimmt ihm diesen verletzen und verzweifelten Ehemann und Vater komplett ab. Das sexy Image ist komplett verflogen. Wie er sich da zurück nimmt, ist eine Klasse für sich. Seine Mimik, seine Blicke sind umwerfend. Er wird für diese Darstellung als heißer Favorit für den Oscar gehandelt. Den Golden Globe hat er dafür bereits eingeheimst.

Die Geschichte „Mit deinen Augen“ von Kaui Hart Hemming wurde wunderbar für die große Leinwand adaptiert. Sie zeigt in allen Farben dieser Welt, dass weder das Leben nur schwarz-weiß ist noch auf Hawaii ständig die Sonne scheint. Sprich, wie nach einem anständigen Gewitter ein Regenbogen entstehen kann, so gibt es in oder nach den schlimmsten Horrorphasen des Lebens Lichtblicke und Gelegenheiten, auch mal Spaß zu haben, ohne dass der Sonnenstrahl im Herzen pietätlos wäre.

Die Bilder, die Kameramann  Phedon Papamichael  („Sideways“) von den Inseln eingefangen hat, sind atemberaubend schön. „Die Familie und andere Angelegenheiten“ werden  von einem wahnsinnig schönen Soundtrack begleitet, der genauso weich und einlullend ist wie die hawaiianische Version  von „Somewhere over the Rainbow“.  Insgesamt wurde dieses berührende Meisterwerk für fünf Oscars nominiert, unter anderem auch für den besten Film. Es wäre mehr als in Ordnung, wenn es bei der Nennung der Königsdisziplin heißen würde: And the Oscar goes to „The Descendants“!

Wertung:10 von 10

The Artist

Als die Bilder laufen lernen, ist der überaus charmante George Valentin einer der Sterne am Stummfilm-Himmel. Als Co-Star immer an seiner Seite: Jack, der dressierte Jack-Russell-Terrier. Beide werden von den Zuschauern und der gesamten Presse geliebt, verehrt und frenetisch gefeiert. Bei einem dieser Auftritte im Blitzlichtgewitter stolpert Fan Peppy Miller in ihn hinein. Galant und spontan wie George nun mal ist, hilft er dem Mädchen, aus dem Fettnäpfchen zu steigen, in dem er ihr die Wange zum Küssen hinhält. Peng! Foto! Liebe auf den ersten Blick! Penny landet auf den Titelseiten sämtlicher Tageszeitungen. Georges Ehefrau ist natürlich nicht begeistert. Penny nutzt ihre unerwartete Berühmtheit und bewirbt sich als Komparsin in den Kinograph Studios. Hier steht der umjubelte Valentin unter Vertrag. Zunächst darf Peppy nur mal durchs Bild hüpfen, arbeitet sich dann aber langsam hoch. Als die Stummfilm-Ära mit der revolutionären Erfindung des Tonfilms vor dem Aus steht, nutzt die pfiffige Miller die Gunst der Stunde und steigt auf zum Mega-Star. George Valentin hingegen klammert sich krampfhaft an einen alten Zopf, der schon längst abgeschnitten ist, und verpulvert für eine eigene Stummfilm-Produktion sein ganzes Geld. Der freie, ganz tiefe Fall ist vorprogrammiert.

Dass man in der heutigen Zeit, in der 3D, Special Effects und allerlei anderer Schnickschnack groß geschrieben werden, auf die Idee kommt, einen Schwarz-Weiß-Stummfilm zu drehen, ist ja schon erstaunlich. Fast könnte man denken, dass diese Idee aus der Not heraus geboren worden ist, weil einem Filmstudenten das Geld für einen „richtigen“ Film fehlte. Dass aber der französische Regisseur Michel Hazanavicius dahinter steckt, der nach kommerziellen Erfolgen sein Wunschprojekt realisieren konnte, das dann auch noch drei Golden Globes gewonnen hat und mit zehn Nominierungen in das diesjährige Oscar-Rennen geht,  lässt einen dann doch aufhorchen und höchst neugierig eine Kinokarte kaufen.

„The Artist“ funktioniert blendend. Das liegt neben der rührenden Liebesgeschichte zweifelsohne auch an den beiden Hauptdarstellern. Der französische Schauspieler und Komiker, Jean Dujardin, und seine Partnerin,  Bérénice Bejo, schaffen sowohl das für den Stummfilm übliche Over-Acting in der millimetergenauen Dosis als auch die übertriebene Mimik, ohne Richtung Clownerie abzudriften. Für diese Leistung gewann Dujardin bereits den Golden Globe. Jetzt gilt er auch als einer der Favoriten für den Oscar des männlichen Hauptdarstellers. Uggie, der dressierte Jack-Russel-Terrier, würde hierzulande jedes „Supertalent“ gewinnen und müsste mit Sonderpreisen in Form von oscarförmigen Hundekeksen nur so überschüttet werden. In den Nebenrollen gibt es ein Wiedersehen mit John Goodman als Zigarre rauchender Filmproduzent sowie mit James Cromwell als überaus treuer Butler. Beide sind sehr erfolgreiche Hollywood-Schauspieler, die sich auf dieses Projekt höchst gekonnt eingelassen haben.

„The Artist“ ist eine wundervolle Hommage an die Stummfilm-Ära und das alte Hollywood. Da in der Academy viele ältere Herrschaften sitzen, ist es durchaus möglich, dass dieser reizende Film am 26. Februar 2012 zum Abräumer des Abends wird. Dass er auch zum Kassenschlager wird, kann man aber ausschließen. Nicht jeder wird sich auf dieses Projekt einlassen. Das ist auch gut so. Wer aber die Muße hat,  wird spüren, dass das Sinnesorgan Sehen viel stärker in Anspruch genommen wird als sonst im Kino. Im Saal herrscht eine ganz besondere Stille, was nicht an dem Stummfilm liegt, sondern an der Konzentration der Zuschauer. Aber keine Sorge, „The Artist“ ist nicht anstrengend, sondern einfach nur anders. Sie werden beschwingt und tanzend das Kino verlassen.
Wertung: 9 von 10

Verblendung

Echauffieren hätte man sich können, als man hörte, dass sich David Fincher ausgerechnet an eine Hollywood-Version des unglaublich guten und megaspannenden schwedischen Films „Verblendung“ machen wird. Dieser basiert auf dem Erstling von Stieg Larssons Millennium-Trilogie. Durch Regisseur Niels Arden Oplev lernte das europäische Kinopublikum die zum Niederknien grandiose Noomi Rapace als Lisbeth Salander kennen. Sie verhalf dieser Frauenrolle dazu, eine der stärksten und unwiderstehlichsten der Filmgeschichte zu werden. Für ihre Leistung wurde sie mit einer Nominierung für den Europäischen Filmpreis belohnt. Und jetzt kommt ein amerikanischer Star-Regisseur daher, der meint, eine englischsprachige Version drehen zu müssen, weil das US-Publikum keine Untertitel bzw. synchronisierten Filme mag und nicht-amerikanische Filme eh nicht ansieht. Womöglich wird die Handlung auch noch nach Alaska verlegt. Der gemeine Amerikaner glaubt dann, das sei Schweden. Und wer soll bitte Rapace das Wasser reichen? Das kann einfach nicht gelingen! Asche aufs Haupt! David Fincher hat seine 100-Millionen-Dollar-Produktion in Skandinavien gedreht, um sie wirklich authentisch – und nebenbei erwähnt – bombastisch wirken zu lassen. Er hat der Vorlage ganz neue Facetten entlockt und somit den Film von Niels Arden Oplev erstaunlicherweise noch toppen können.

 

Einen nicht ganz unbeträchtlichen Anteil trägt Daniel Craig, eine der coolsten Socken des Universums, dazu bei. Er spielt den Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist, den kaum ein weiblicher Zuschauer von der Bettkante schubsen würde. Lisbeth Salander macht das natürlich auch nicht. Er darf sogar hier und da ziemlich zimperlich und wehleidig sein. Sobald er sein Hirn einschaltet und nicht mit der Oberlippe und den Muskeln spielt, vergisst man sofort den James Bond, der an ihm klebt wie ein Alter Ego. Das Gerüst der Fincher-Version von „Verblendung“ ist natürlich das Gleiche. Henrik Vanger, Oberhaupt einer Industriellenfamilie, sucht seit Jahrzehnten nach seiner geliebten Nichte Harriet. Seine Vermutung: Sie ist von einem Mitglied des mächtigen, naziverseuchten Familienclans ermordet worden. Bis zu Harriets Verschwinden schenkte sie ihm stets zu seinem Geburtstag eine gepresste Blüte hinter Glas. Doch dieses Ritual reißt auch danach nicht ab. Jedes Jahr erhält der mittlerweile 82-jährige pünktlich zu seinem Geburtstag eine eingerahmte Blume. Henrik glaubt fest daran, dass seine geliebte Nichte von einem Mitglied des mächtigen Familienclans ermordet worden ist. Er bittet Mikael den Fall neu aufzurollen. Der stößt bei seinen Untersuchungen auf einen unglaublich barbarischen Frauenmörder. Er fängt an, die Fäden zu entwirren, die ihn zurück zu dem Vanger-Clan führen. Er tappt aber dennoch so im Dunkeln, dass er die Hackerin Lisbeth Salander bittet, ihn bei den Ermittlungen zu unterstützen.  

Im Gegensatz zur schwedischen Verfilmung ist die zutiefst traumatisierte Lisbeth in der Fincher-Version nicht allein die Macherin. Mikael hat richtig viel Vorarbeit geleistet. Die Beiden ergänzen sich überragend und fügen das Puzzle Stück für Stück zusammen. Das Miteinander und die Dialoge zwischen diesen Zwillingsseelen sind auch für die Zuschauer spannend, die das Buch und den Vorgänger kennen. Und das ist schon eine Kunst für sich. Was die beiden Ermittler verbindet, kitzelt Fincher unglaublich gut heraus. Auch lässt er sich für die Schlusspointe viel mehr Zeit. Die wurde, wenn man ehrlich ist, in der schwedischen Variante etwas arg hastig an den Schluss gehängt.

 Alle Lisbeth-Salander-Fans werden sich bestimmt fragen, ob die unbekannte Rooney Mara überhaupt in der Lage sein kann, Noomi Rapace das Wasser zu reichen. Und auch hier kann man beinahe behaupten, dass es ihr gelungen ist. Ihre Attitüde ist eine recht ähnliche. Sprich, für ein zartes Wesen wie sie sehr maskulin. Sie will sich durch diese Körperhaltung vor “Männern, die Frauen hassen” (so der Originaltitel) schützen. Innen drin sieht es natürlich ganz anders aus. In ruhigen Momenten, wenn sich Lisbeth mal nicht auf dem Kriegspfad befindet und sich kurz aus ihrem Schneckenhaus traut, dann kommt diese zerbrechliche Seite in ihr sehr berührend heraus. Die HOLLYWOOD FOREIGN PRESS ASSOCIATION hat diese Darstellung ebenfalls überzeugt. Sie wurde für die Golden Globes nominiert.

Wertung: 9,5 von 10

Der Gott des Gemetzels

Was für ein Glück, dass all die Intellektuellen, die beim Thema Reality-Show die Nase rümpfen,  durch Yasmina Reas Dauerbrenner „Gott des Gemetzels“ auch mal Voyeur werden dürfen.  Theater gilt ja gemeinhin als elitär. So kann man, ohne es heimlich zu tun, auch mal die Abgründe der Menschheit genussvoll beobachten, ohne dafür verurteilt zu werden. Vom Prinzip kann man das Stück, das von Regievirtuose Polanski fürs Kino adaptiert wurde, mit der Containershow „Big Brother“ vergleichen. Man nimmt zwei vermeintlich zivilisierte Ehepaare, lässt vorher den Sohn des einen Paares dem des anderen zwei Schneidezähne ausschlagen, steckt sie dann zum Schlichten des Konflikts in ein Appartement und lässt sie aufeinander los. Zunächst bewahrt jeder noch die Fassung. Aber gleich zu Anfang der Geschichte spürt der Zuschauer dieses Pulverfass, dessen Deckel von allen vier Protagonisten noch krampfhaft zugehalten wird. Es brodelt schon bei der Formulierung, ob der Schläger nun mit einem Stock bewaffnet war, oder aber nur einen bei sich getragen hat.  Niveauvoll, wie man nun mal ist, einigt man sich großzügig auf „damit ausgestattet“.  Schließlich lebt man nicht mehr in der Steinzeit, wo dieser Streit noch mit Messern ausgetragen worden wäre. Insbesondere bei Penelope  Longstreet (Jodie Foster) spürt man allerdings sofort, dass sie ein Gewetztes bereits in der Tasche trägt, das nur noch nicht richtig ausgeklappt ist. Aber zulassen will sie es natürlich nicht, schließlich hat sie den Anspruch auf den Thron der Moral für sich gepachtet. So bietet sie lieber ein paar Heißgetränke an. Ihr Mann Michael (John C. Reilly) ist da eher vom schlichten Gemüt, hat es aber trotz Teddycharme faustdick hinter den Ohren. Seine verbalen, teilweise aus dem Zusammenhang gerissenen,  stückweise als Witze verpackten,  Attacken sind göttlich. Rechtsanwalt Alan Cowan (Christoph Waltz), der versucht den Angriff seines Sohnes als Bubenstreich abzutun, nervt die Runde durch seine ständigen Gespräche mit dem Handy.  Als schließlich seine Frau Nancy (Kate Winslet), die am längsten die Fassung hält, quer über die Kunstkataloge von Penelope kotzt, ist Polen endgültig offen.

Roman Polanski, schon lange mit Yasmina Rea befreundet, erkannte  schon vor längerer Zeit die Möglichkeit, diesen Theaterhit für das Kino zu adaptieren. Er schrieb dann auch mit ihr das Drehbuch. Im Gegensatz zum Theaterstück wurden ein paar Dinge verändert.  Für Polanski war zum Beispiel wichtig, die prügelnden Kinder der beiden Ehepaare am Anfang des Films, wie auch die zusammen spielenden Kinder, quasi als Hoffnungsschimmer, am Ende der Geschichte zu zeigen. Bei den aus der Ferne beobachteten Szenen spielte Polanskis Sohn mit – allerdings ohne die Anwesenheit seines Vaters, der ja aus bekannten Gründen seit 30 Jahren nicht mehr in die USA reisen kann. 

Dass dieser Film so atemberaubend gut funktioniert, liegt neben der göttlichen Vorlage auch an den hochkarätigen Schauspielern.  Roman Polanski, der König des Details, kitzelt alles an Höchstleistungen aus seinen Darstellern heraus, ohne dass man es als Zuschauer merkt, so perfekt spielen die Vier. Diese Leistungen werden sicherlich bei den nächsten großen Preisverleihungen mit einem Regen an Trophäen belohnt werden.  Derweil lehnt man sich als Zuschauer vergnügt gehässig in seinem Sessel zurück und beobachtet dieses zynische bunte Treiben auf der Leinwand, ohne eine Figur wirklich sympathisch zu finden, was ja normalerweise für jeden Film das Knockout bedeutet. Diese diebische Freude potenziert sich noch, wenn man hin und wieder Mütter beobachten darf, wie sie ihre eigene Brut bis aufs Messer verteidigen und als perfekte Geschöpfe Gottes ansehen, die keiner Fliege etwas zu Leide tun können. Allein deshalb möchte man sich schon vor Polanski/Rea und dem Ensemble dankbar und höchst amüsiert verneigen. Auch wenn das natürlich bitterböse ist.
Wertung: 9,5 von 10

Anonymus

Shakespeare war ein Analphabet? Ein Gernegroß? Ein Säufer? Ein Lügner? Wenn man Roland Emmerichs neustem Film Glauben schenken möchte, dann muss man diese Thesen beherzt bejahen. Die Forschung beschäftigt sich schon lange mit der Urheberschaft von Shakespeares Werken. Zwanzig Kandidaten sind im Rennen, die die eigentlichen Autoren der großartigen Werke wie „Romeo & Julia“, „Hamlet“ und Co. sein sollen. So liest man auf der Liste der möglichen Kandidaten illustre Namen wie Edward de Vere, Francis Bacon, Christopher Marlowe und Sir Walter Raleigh, den die Kinoliebhaber eigentlich mehr als attraktiven Seefahrer und feurigen Liebhaber der Queen kennen statt als Autor.  Schade, dass sich Emmerich nicht für ihn, sondern für Edward De Vere (Rhys Ifans) entschieden hat. In „Anonymus“ liebt er neben dem zur damaligen Zeit skandalösen Schreiben von Gedichten und Theaterstücken auch noch Elizabeth I (Vanessa Redgrave). Am Hofe der Regentin muss es wilder zugegangen sein als bei den Hottentotten. Die Liebhaber gaben sich demnach gegenseitig die Klinke in die Hand. Dieses bunte Treiben wird mit Argusaugen von Sir William Cecil (David Thewlis), Berater und Günstling der Königin, beobachtet. Cecil klebt wie ein Schatten an der Monarchin. Er befürchtet, dass De Vere mit seinen Theaterstücken Einfluss auf die Thronfolge nehmen könnte, und intrigiert, was das Zeugs hält.  Dass man bei diesem Tohuwabohu nicht nur die Nachtigall mit der Lerche verwechselt, sondern auch noch Inzest, Mord und „Bastarde“ auf der Tagesordnung stehen, ist beinahe selbstredend. Kein Wunder also, dass bei dieser Historie die Engländer so sind wie sie sind.

Allein die Tatsache, dass Roland Emmerich, der Master of Desaster, ein Historiendrama dreht, ist schon überraschend genug. Dass ihm das auch noch gelingt, setzt dem Ganzen die Krone auf. Denn nach dem grottigen Spektakel „10.000 BC“ hätte man ihm ein dicht erzähltes Historiendrama  beileibe nicht zugetraut. Aber wie gut, dass der Starregisseur zeigt, dass er auch anders kann. Für die Umsetzung von „Anonymus“ konnte er überragend gute Schauspieler um sich scharen. Vanessa Redgrave, uneitel mit kariösen Zähnen, spielt die Königin Elizabeth I, die auf Zahnpflege wohl keinen Wert legt, einfach sensationell. Rhys Ifans, der schrullige Mitbewohner von Hugh Grant in „Notting Hill“, ist als vornehmer Schöngeist Edward de Vere überhaupt nicht wiederzuerkennen. Und Rafe Spall nimmt man den talentlosen Nichtsnutz Shakespeare ohne wenn und aber ab. Was darüber wohl die Engländer denken, dass an dem Denkmal des Dichterfürsten so gewaltig gekratzt wird?  Ganz nebenbei wird noch die Thronfolge in Frage gestellt. Ob die Royals darüber „amused“ sind? Wohl kaum.  Wie dem auch sei, Roland Emmerich hat mit dieser Story  ganz schön viel Mut bewiesen und wird für reichlich Diskussionsstoff sorgen.

Optisch ist „Anonymus“ – wie soll es bei dem Regisseur auch anders sein –der absolute Hingucker. So hätte sein „kleiner“ Film auch das Potential für einen echten Blockbuster. Hätte - wäre da nicht diese verschachtelte Geschichte mit Vor-, Rück-, Seit- und wieder Vorblenden, in der sich Unmengen von historischen Figuren in höchst unterschiedlichen Phasen ihres Lebens ein Stelldichein geben. Da es sich in diesem Film nicht nur um das überaus spannende Liebesleben von Elizabeth, sondern hauptsächlich um Shakespeare dreht, dürfen in Kurzform angerissene Theaterstücke des Dichters nicht fehlen. All diese Details machen „Anonymus“ so komplex. Wehe, wer da im Geschichts- und Englischunterricht nicht aufgepasst hat. Der könnte sich, anstatt über die berühmteste aller Fragen „To be or not be“ zu sinnieren, eher den Kopf über das „Who is Who“ oder „Where is Where” zerbrechen. Wer da also nicht so bewandert ist, das gilt übrigens auch für die Autorin dieses Beitrags, sollte sich vor Besuch des Films ein wenig vorbereiten, um diese intensive Tragödie im ganzen Umfang genießen zu können.

Wertung: 9 von 10

Eine ganz heiße Nummer

Ganz weit, weit weg, im tiefsten Bayern, sozusagen noch tiefer als Hintertupfing, liegt das Dorf Marienzell. Hier sieht der liebe Gott alles und wacht streng darüber, dass zumindest in der Abgeschiedenheit die von der katholischen Kirche auferlegten Sitten eingehalten werden. Aber trotz dreier „Maria Unser“ täglich ist die Wirtschaftkrise auch hier angekommen. Die Glashütte muss schließen. Der Tante-Emma-Laden steht kurz vor der Pleite, denn die Stammkundschaft fährt neuerdings nach Zwiesel zum Lidl. Um ihr Geschäft zu retten, kommt Maria auf eine ziemlich clevere Geschäftsidee. Sie gründet eine Sex-Hotline mit dem Slogan „Das Allerbeste aus der Heimat“. Sie überzeugt ihre beiden Freundinnen, mitzumachen. So ist für beinahe jeden Geschmack der brünstigen Kundschaft etwas dabei. Waltraut (Gisela Schneeberger) kann die Domina, Küken Lena (Rosalie Thomass) die Lolita und Maria (Bettina Mittendorfer) die Maja-Nur-Viel-Heißer.  Die Frau des Bürgermeisters (Monika Gruber), eine richtige Zwiderwurzn, riecht Lunte und fühlt sich zur Hüterin der Moral berufen. Denn, komisch, plötzlich schlürfen die drei Freundinnen Kir Royal, obwohl sie sich doch bei der niedrigen Kundenfrequenz im Kramerladen nicht mal die Butter und das Brot unter der Wurst leisten können. Da stimmt doch was nicht. Die drei Weibsbilder kämpfen mit allen Tricks und viel Phantasie, um sich ihr kleines Wirtschaftswunder nicht von der biestigen Schachtel verderben zu lassen. Dass diese Vertuschungsmanöver für haarsträubende Situationen sorgen, ist klar wie Grießnockerlsuppe. Ob’s die Damen schaffen? Schau’n mer mal.

Die neue Komödie von Markus Goller („Friendship“) ist vielleicht nicht das Allerbeste, aber auf jeden Fall das Allerlustigste aus der Heimat, was in diesem Jahr im Kino gezeigt wurde. Wie schon bei „Friendship“ ist es dem Regisseur gelungen, Komik mit einer Prise Tragik zu verbinden. Und trotz des Themas „Telefonsex“, das ja Angriffsfläche ohne Ende bietet, dürfen seine Figuren ihre Würde behalten und werden in keiner Sekunde für einen billigen Gag verraten. Das hat Goller zum Glück nicht nötig. Denn das Drehbuch bietet den Protagonisten ohnehin genug Möglichkeiten, um ein wahres Feuerwerk an Komik zu zünden. Fast ein bisschen schade, dass die erste Kino-Rolle der umwerfend guten Kabarettistin Monika Gruber ausgerechnet so ein garstiges Weib sein musste. Aber wenn einer so richtig bös‘ sein kann, dann sie. Deshalb wurde sie bestimmt auch für diesen Charakter gecastet. Nach langer Krankheit gibt es endlich ein Wiedersehen mit Cleo Kretschmer. Sie steht der Frau Bürgermeister beinahe wie ein Schatten stets zu Diensten. Ihre lange Leinwandabstinenz hat ihr nicht geschadet. Sie ist so gut wie immer.

Der Weißwurst-Äquator wird im Falle „der ganz heißen Nummer“ die Nation drastisch teilen. Denn, wie tönte es bereits aus dem Mund eines prominenten Kinokritikers aus der Hauptstadt? „Komödienstadl“, so sein abwertendes Urteil. Naa, wirklich net! Da hat der gute Herr P. aus B. entweder den Dialekt oder den bayrischen Humor oder gar beides zusammen nicht verstanden. Auch wenn man den gesamten Norden freilich nicht über einen Kamm scheren darf, werden sich aufgrund der Sprach- und Humorbarriere ein Großteil der Preißn nicht amüsieren können (die Autorin dieses Artikels gehört auch zu dieser Spezies, hat sich aber inzwischen den hiesigen Gebräuchen angepasst). Derweil  haut sich das Publikum im südlichen Teil des Landes vor Vergnügen auf die Schenkel. Sofern man nämlich den Bayrisch-für-Fortgeschrittene-Test bestanden hat, lacht man sich über das telefonierende Trio schier kaputt. Am Witzigsten von allen ist zweifelsohne Gisela Schneeberger. Wenn sie als Waltraud Wackernagel ihrer Kundschaft verbal den Hintern versohlt und mit Sätzen wie „Das wird Mutti bestimmt gefallen“ beglückt, dann besteht Erstickungsgefahr. Deshalb besser auch das Popcorn vor Beginn des Films verzehren. Nicht, dass sich jemand verschluckt und mit Blaulicht abgeholt werden muss.

Wertung: 9 von 10

Real Steel - Stahlharte Gegner

Stahlharte echte Männer, die im Boxring reales Blut und Wasser schwitzen, sind nicht mehr gefragt. Wir schreiben das Jahr 2020, der Traum der großen und kleinen (männlichen) Kinder ist wahr geworden. Helden à la Transformers sind mehr als lebensgroß aus der Playstation heraus gewachsen. Der Mensch ist in der Lage, riesige Stahlroboter zu bauen und so zu programmieren, dass sie gegeneinander Boxkämpfe austragen, die von Massen von Zuschauern bejubelt werden. Gesteuert werden diese 900 kg schweren Monster von ihrem Besitzer per Joystick oder Sprachsteuerung. Für die richtige Kampfstrategie braucht man also Köpfchen statt Muskeln. Ein Leidtragender von dieser Entwicklung ist Dumpfbacke Charles (Hugh Jackman). Er war ein recht erfolgreicher Profiboxer, bis High-Tech-Roboter die Menschen im Ring ablösten. Jetzt schlägt er sich als Promoter mit selbstgebauten Kampfmaschinen in Untergrundkämpfen mehr schlecht als recht durchs Leben. Gäbe es nicht eine Frau mit Herz und Verstand (Evangeline Lilly, „Lost“) an seiner Seite, dann wäre er wirklich reif für ein Leben unter der Brücke. Als er mal wieder ganz weit unten angekommen ist, kommt es noch mal richtig Dicke. Die Mutter seines 11-jährigen Sohnes Max verstirbt. Charles, der sich weder um sein Kind gekümmert noch dafür interessiert hat, soll nun einen Sommer auf seinen Sprössling aufpassen. Das passt dem Loser natürlich überhaupt nicht ins nicht vorhandene Konzept. Max entpuppt sich als ungemein gewieftes Kerlchen, der seinem Erzeuger mehr als nur das Wasser reichen kann. Auf einem Schrottplatz entdeckt der Junge einen ausrangierten Roboter, in dem ungeahnte Fähigkeiten stecken. Kotzbrocken Charles will von dem Stahlhaufen natürlich nichts wissen, aber Max fühlt, dass in diesem Koloss mehr steckt als nur ein defektes Motherboard.

Dass zu den ausführenden Produzenten Steven Spielberg zählt, verwundert nicht. Wenn einer das Gespür hat, ob ein solch genreübergreifender Film funktioniert, dann wohl er. So ist „Real Steel“ zum einen eine wirklich spannende, actiongeladene Hommage an die Boxklassiker wie z. B. die Rockyreihe. Die Zuschauer werden förmlich aus den Sitzen gerissen, wenn sie vor lauter Begeisterung Blechbüchsen anfeuern, damit sie noch mehr aufeinander eindreschen.  Zum anderen dreht es sich in diesem, mit Spezialeffekten reich gespickten, Spektakel um die emotionale Geschichte zwischen Vater und Sohn, die zunächst auch als „Charles vs. Max“ hätte durchgehen können, bis der Roboter vom Schrottplatz ihnen hilft, als Dreamteam und Familie zusammenzuwachsen. Hier übertreiben es die Macher mächtig. Der dümmste Zuschauer weiß natürlich von Anfang an, dass die beiden Buddies für’s Leben werden. Vorhersehbarer geht’s nimmer. Dafür muss Hugh Jackman aber über viel zu lange Strecken des Films das dummbatzige Ekelpaket mimen. Das nervt. Allerdings tröstet der niedliche Darsteller des Max (Dakota Goyo, „Thor“) über diese enervierenden Szenen hinweg. Und, meine Damen, Hugh Jackman ist optisch sowieso nicht von schlechten Eltern. Insbesondere dann, wenn er auch noch sein Hemd ausziehen darf. Für das Auge wird neben Sixpack und Bizeps Glänzendes geboten. Die Locations, insbesondere die Boxarenen, sind klasse. Kameramann Mauro Fiore („Avatar“) hat all diese Bilder brillant in Szene gesetzt.

Das Highlight ist allerdings zweifelsohne der Roboter namens Atom. Wie schon bei „Wall-E“ hat er entzückend menschliche Züge. Er hält den Kopf schräg wie Lady Di und kann unglaublich sentimental aus der blitzblanken „Wäsche“ gucken. Es fehlt nur noch, dass er seine wuchtige Faust ausstreckt und „nach Hause telefonieren“ möchte. Das hätte man den Machern auch nicht übel genommen, da sowieso mehr als nur Ähnlichkeiten mit anderen Figuren der Filmgeschichte diese spaßige Geschichte tragen. Ironman, Captain Buzz Lightyear, E.T. und Wall-E sind nur einige der Beispiele, die einem zuerst einfallen. Diese Ähnlichkeiten  tragen aber witzigerweise zum Vergnügen bei.

Wirklich ein Jammer, dass das neuste Werk von Regisseur Shawn Levy, der für Familienhits wie „Nachts im Museum“ verantwortlich ist, erst ab 12 Jahren freigegeben worden ist. Allerdings liefern ein paar recht brutale Szenen, auf die man inhaltlich hätte verzichten können, Gründe für diese Einstufung. Daher, liebe Eltern, besser an diese Empfehlung halten, und mit den Kleinen draußen bleiben.

8 von 10