Iron Man 3

Dass Tony Stark, der Mann im Eisenanzug, die coolste Socke des Universums ist, wissen wir spätestens seit dem ersten Teil. Er selbst sieht sich mehr als Mechaniker denn als Popstar, zu dem ihn seine entwaffnende Art und seine einzigartigen Erfindungen gemacht haben. Seine erste hochinnovative „Blechbüchse“ hatte er entwickelt, um die Welt zu retten. Nach seiner Enttarnung schreibt er heute eher Autogramme, statt Bösewichte zur Strecke zu bringen. Wohl fühlt er sich da gar nicht in seiner Haut, der Tony. Immer einen kessen Spruch auf den Lippen, egal wie eng der Griff eines echten Gegners um seine Kehle wird, nimmt ihm die Nutzlosigkeit fast die Luft zum Atmen. Von Panikattacken und Schlaflosigkeit gequält, mutiert der Superheld zu einem Phobiker, der trotzdem permanent in seinem gigantischen unterirdischen Labor tüftelt, bastelt und erfindet. Was dabei rauskommt, lässt die Apple-Entwicklungen gerade mal wie Geistreiches für den nächsten Jugend-forscht-Wettbewerb wirken. Es wäre ja zu schade um die vielen - für den Rest der Welt utopisch wirkenden – Erfindungen, wenn sie nicht zu Einsatz kämen. So muss unbedingt ein neuer Schurke her.  Und Holla die Waldfee, da kommt einer ums Eck, der Stark erst einmal zeigt, was eine Harke ist, indem er dessen gigantisches Anwesen ummähen lässt. Selbstredend, dass er das nicht ungestraft mit sich machen lässt, zumal bei dem Angriff seine heißgeliebte Pepper  (Gwyneth Paltrow) in Lebensgefahr geraten ist und später auch noch entführt wird. 

Nachdem der erste Teil der Iron-Man-Reihe die Überraschung schlechthin war und Robert Downey jr. nach Jahren in der – nennen wir es mal – Gosse einen Aufstieg wie Phönix aus der Asche bescherte, kam das Sequel echt lahm daher. Hier wurde statt auf spritzige Ideen beinahe nur auf bombastische Schlachten gesetzt. Die Fans wird es freuen, dass die Macher von Teil 3 wieder viel mehr Wert auf die Figuren, Witz und eine spannende, überraschende Geschichte mit verblüffenden Wendungen gelegt haben. So spielt zum Beispiel Sir Ben Kingsley - gewohnt brillant - den teuflischen Bösewicht, der es nicht nur auf den Präsidenten der USA abgesehen hat, sondern am besten gleich auf das ganze Land. Auf der Suche nach dem Terroristen, den man typischerweise in Pakistan vermutet, bekommen die Zuschauer einen kleinen Seitenhieb gegen die Machenschaften der Textilindustrie präsentiert. Eine kleine Fabrik wird gestürmt, in der Näherinnen wie Sklavinnen gehalten werden.

Robert Downey jr. ist natürlich wieder eine Schau für sich. Richtig spaßig wird es, wenn er auf sich allein gestellt ist, da seine schützende Lieblingsrüstung Marvel defekt ist. Im Hobbyraum eines siebengescheiten Jungen entwickelt er ganz im Stile von MacGyver einen Kampfanzug, dessen Einzelteile er im Baumarkt kauft. So muss sich Tony wieder mehr auf seinen Reichtum an Ideen als auf Technik verlassen, was einfach nur köstlich ist. 

Optisch bietet Iron Man 3 alles, was man von dieser Fortsetzung auch erwartet. Gewaltiger geht’s beinahe nimmer. Dem Zuschauer wird ein actionreiches, witzig und sehr gut gemachtes 3D-Popkorn-Spektakel geboten, das richtig viel Spaß macht. Deutlich besser kann man dieses Genre nicht bedienen.

Wertung: 9/10

Broken Circle

Wie viel seelischen Schmerz kann ein Mensch ertragen? Und ist der Schmerz noch größer, wenn vor dem auslösenden Ereignis das Leben einfach nur himmelhochjauchzend war? Diese Fragen muss sich Elise, Frontfrau einer Bluegrass-Band, nicht nur stellen, sie  kann darüber ein Klagelied singen. Bei ihr wird der schlimmste Alptraum wahr, den sich eine Mutter vorstellen kann. Ihre kleine Tochter Maybelle erkrankt mit gerade mal sechs Jahren an Krebs. Schon gleich am Anfang dieses herzzerreißenden Films wird der Zuschauer durch den Song „Will the Circle be Unbroken“ ins kalte Wasser geworfen. Mit der bangen Frage hat sich bestimmt schon jeder selbst mal konfrontiert. Was passiert, wenn der gewohnte und schöne Kreislauf des Lebens einfach von heute auf morgen grausam auseinandergerissen wird? Wäre man selbst dazu in der Lage, eine solch schwere Zeit zu durchstehen? 

Am Anfang war alles so wahnsinnig und unfassbar schön. Elise, Betreiberin eines Tattoo-Studios, und Didier, Sänger und Banjo-Spieler einer Bluegrass-Band, erleben die Liebe auf den ersten Blick. Er ist glühender Atheist, sie glaubt zwar nicht an Gott, aber dennoch an irgendwas anderes da draußen im großen Universum. Ihre Liebe können sie in der perfekten Idylle ausleben. Sie sind regelrecht verrückt nacheinander. Schöner als in jedem Marlboro-Spot kann ihr Himmel auf Erden in Szene gesetzt werden. Denn Didier besitzt ein riesiges Grundstück, eingebettet in einer traumhaften Landschaft, auf dem auch Pferde und Hühner leben. Er hat sich allerdings rein optisch an seine Umgebung angepasst. Somit ist er alles andere als eine Augenweide. Aber Liebe soll ja angeblich blind machen. So stört er sich auch nicht daran, dass die schöne Elise ihre Leidenschaft für Tattoos auf ihrem Körper klar zum Ausdruck bringt. Durch diese unfassbar schöne Beziehung lernt sie eine weitere Leidenschaft kennen, ihre Liebe zur Bluegrass-Musik. Sie wird Sängerin der Band und tingelt an der Seite ihrer großen Liebe durch die kleinen Country-Clubs. Ganz im Stile von Johnny Cash macht ihr Didier auf der Bühne einen Heiratsantrag. Es ist einfach alles nur perfekt. Ihre zuckersüße Tochter, die schon bald das Licht der Welt erblickt, macht  dieses unkonventionelle Paar nur noch glücklicher. Bis zu ihrer schlimmen Erkrankung darf sie eingebettet in Liebe, Musik und purer Idylle aufwachsen.  

Durch die geschickte Erzählweise der in Vor- und Rückblenden vorgetragenen Geschichte weiß man bereits von Anfang an, wie der diesjährige Berlinale-Liebling enden wird. Somit wird man sofort in ein Wechselbad der Gefühle gestoßen. Man weint von der ersten Minute an um dieses ungewöhnliche Traumpaar, das versuchen muss, die Grausamkeiten des Lebens auszuhalten und zu meistern. Die Musik spielt neben den überragenden Darstellern natürlich ebenfalls eine weitere große Rolle. Einige Lieder, wie z. B. „Go to Sleep little Baby“, werden so ergreifend vorgetragen, dass sich die dazu gehörenden Bilder für immer ins Gehirn der Zuschauer einbrennen werden

Regisseur Felix van Groeningen , bekannt durch  „Die Beschissenheit der Dinge“ hat mit „Broken Circle“ ein  tieftrauriges und gleichzeitig unglaublich schönes Meisterwerk abgeliefert. Der Flyer zum Film bringt es mit folgenden Worten auf den Punkt: „The Broken Circle“ wird vielleicht Ihr Herz brechen. 

Das Leben ist nichts für Feiglinge

Wie soll sie schon sein, die Einstellung zum Krebs? Natürlich ist sie feindselig, daraus macht Gerlinde Färber (Christine Schorn) keinen Hehl. Sie  trifft genau den nötigen Ton, um ihrem soziopathischen Arzt klar zu machen, wie dämlich und absurd doch dessen Bemerkung ist. Mit ihrem Katastrophen-Befund möchte sie ihren Sohn Markus (Wotan Wilke Möhring) nicht noch mehr belasten. Er hat nämlich gerade seine durch einen Unfall verstorbene Ehefrau und Mutter seiner Teenie-Tochter Kim zu Grabe getragen. Markus, durch den Verlust völlig aus der Bahn geworfen, ist mit Kim überfordert, was auch ohne diesen Schicksalsschlag kein Wunder wäre. Das seltsame und polterige Mädchen ist im Grunde zwar sehr sensibel, was man ihr aber wegen ihres gewöhnungsbedürftigen Gruftie-Styles nicht ansieht. Kim hat um sich herum einen Schutzwall aus Rotzlöffeln und schwarzer Schminke gebaut. So traut sich fast keiner an sie ran. Außer der böse Bube Alex (Frederick Lau), der von der Schule geflogen ist. Das Letzte, was Kim ihrer Mutter zu Lebzeiten entgegen geschleudert hat, ist das Wort Hexe. Damit muss sie jetzt klarkommen. Um diesem Höllentrip zwischendurch mal etwas entfliehen zu können, schickt sie an die verstorbene Mama SMS. Die holprigen Annäherungs- und Trostversuche ihres Vaters erstickt sie aber im Keim.  So muss sie erst einmal nach einem Streit von zu Hause abhauen, um die Liebe ihres verbliebenen Elternteils zu erkennen und anzunehmen.  Das klingt alles sehr tragisch, was es zweifelsohne auch ist. Aber in jedem Drama kann auch Witz stecken, man muss sich nur trauen, ihn rauszulassen.

Regisseur André Erkans war so mutig. Und sein Mut wurde bereits mit viel Anerkennung belohnt.  Ihm ist es nämlich gelungen, dieser Geschichte eine gut dosierte Menge Humor beizumischen. Durch sein sensibles Händchen ist der Spagat zwischen Drama und Komödie völlig gelungen. Das Leben ist für Familie Färber ganz bestimmt kein Ponyhof. Aber es darf trotzdem auch mal vor Freude gewiehert werden.  Großartig,  wenn Mutter Färber von ihrer recht unkonventionellen Krankenpflegerin Paula (Rosalie Thomass) mit Haschischkeksen versorgt wird und sich vor Lachen nicht mehr einkriegt.  Das steckt an. Die Dialoge, die der Autor (Buch und Drehbuch) Gernot Gricksch den wunderbaren Akteuren in den Mund gelegt hat, sind ebenfalls nicht nur von der Sorte Trauerkloß.  Klar, dass dem Zuschauer wegen des Themas hier und da das Lachen im Hals stecken bleibt. Aber schwarzer Humor erzeugt nun mal keine Schenkelklopfer. Und das ist sehr gut so. 

 Die Schauspieler sind eine Klasse für sich. In einer Nebenrolle ist Frederik Lau (Alex) zu sehen. Er spielt ein verzogenes Bürschchen aus einem vermeintlich guten Zuhause, rebelliert aber völlig gegen das Establishment seiner Eltern. Großartig. Da kann man gespannt sein, wenn er demnächst hoffentlich in einer anspruchsvollen Hauptrolle zu sehen ist. Christine Schorn (Gerlinde Färber), die man eher aus dem Fernsehen kennt, beherrscht eindrucksvoll alle Töne und Nuancen, um in die Haut einer schwer an Krebs erkrankten resoluten Dame, die ihren bissigen Humor nicht verliert, zu schlüpfen. Richtig süß und sympathisch kommt Rosalie Thomass (Paula) rüber. Zuletzt war sie als Maya in der brüllendwitzigen Komödie „Eine ganz heiße Nummer“ zu sehen.  Auch in „Feiglinge“ darf sie ihr komödiantisches Talent zum Besten geben. Köstlich, wie sie von einer Mundart zur nächsten wechselt. 

In einigen sehr positiven Beiträgen zu diesem Film fiel die Aussage, wie überraschend gut doch dieser Film sei. Wer den großartigen Hauptdarsteller Wotan Wilke Möhring schon länger verfolgt, ist aber eher nur von dieser Aussage erstaunt, da sein Mitwirken die Erwartungshaltung seiner Fans von Haus aus hochschraubt.  Und das nicht nur, weil er für „Der letzte schöne Tag“ nach dem Fernsehpreis nun auch den renommierten Grimme-Preis erhalten hat. In diesem Fernsehfilm spielt er ebenfalls einen Witwer.  Das mag jetzt vielleicht etwas einseitig klingen, ist es aber nicht.  In „Männerherzen“ war er der Proll zwischen all den hübschen Jungs. Dennoch hatte er die eindrucksvollsten und intensivsten Szenen. Um diese so zu spielen, wie er es tat, muss man sein Handwerk wirklich verstehen. Trotz des kommerziellen Erfolgs in 2012 mit „Mann tut was Mann kann“ heißt es immer noch zu häufig „Wotan Wer?“. Mit der Genialität im stillen Kämmerlein wird aber zum Glück bald Schluss sein, da er demnächst als neuer Tatort-Kommissar zu sehen ist. 

Kommissar hin, Tatort her, da „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ beinahe ausschließlich in den Programmkinos läuft und somit  wohl ein Underdog-Dasein fristen muss, werden wohl nicht all zu viele Zuschauer in den Genuss dieser Perle kommen. Da kann man allen Beteiligten nur wünschen, dass hier mal wieder die Mund-zu-Mund-Werbung funktioniert.   

Les Misérables

Der Roman „Die Elenden“ von Victor Hugo gehört in Frankreich zur Allgemeinbildung. Er beginnt 1815 in Toulon und endet kurz nach dem Juniaufstand 1832 in Paris, bei dem viele Intellektuelle auf und hinter den Barrikaden ihr Leben ließen. Das daraus entstandene Musical wurde bereits in seiner Urfassung, die zunächst nur für den französischen Markt gedacht war, gezeigt. Wichtige Bestandteile, die für Franzosen überflüssig sind, wurden weggelassen. Zum Glück wurde diese Version von den Machern (Claude-Michel Schönberg (Musik, „Miss Saigon“) und Alain Boublil (Libretto) revidiert, um sie einem weltweiten Publikum zugänglich und verständlich zu machen. Wer allerdings meint, die Geschichte wäre nur für Franzosen und Frankophile interessant, täuscht sich gewaltig. Seit 1985 wurde diese überarbeitete Fassung in über 200 Städten gespielt. Sie gewann acht Tony-Awards und zog weltweit mehr als 60 Millionen Zuschauer an, die sich von der bombastischen Musik und der Geschichte um den Sträfling Jean Valjean, der wegen Diebstahl eines Brots 19 Jahre im Zuchthaus verbringen musste, verzaubern und zu Tränen rühren ließen. „Les Miz“,  so der Kosename des beliebten Musicals, schrie also quasi nach einer Verfilmung, nicht nur um seinen Jüngern noch häufiger die Möglichkeit zu geben, dieses unsagbar schöne Stück anzusehen, sondern um auch neue Freunde zu gewinnen. Die Pläne dafür lagen schon länger in den Schubladen. Allerdings erst zwei Jahre nach dem 25-jährigen Bühnenjubiläum  begannen die Dreharbeiten.

Nun ist „Les Misérables“ nicht einfach nur ein Musical. Es gehört zu den erfolgreichsten überhaupt. Die Fans vergöttern es nicht nur, sondern können eine große Anzahl an Zeilen mitsingen. Und so werden viele der genannten 60 Millionen Zuschauer Mehrfachtäter sein. Ihnen es Recht zu machen, ist die größte Schwierigkeit. Und so haben sich Cameron Mackintosh, der Produzent der Bühnen- und der Kinoversion, sowie sein Team beinahe krampfhaft an die Vorlage gehalten.  Die Möglichkeiten, die großes Kino bieten, wurden nur ansatzweise ausgeschöpft. Die Kulissen wirken teilweise so, als wären sie von der Bühne direkt an den Set getragen worden. Dabei wäre es interessant gewesen,  diese eindrucksvolle Geschichte in einem anderen Licht zu sehen, wie es zum Beispiel in der gigantischen Anfangs-Szene der Fall ist. Mit ein paar Dialogen zwischen den Liedern, die die Romanvorlage noch näher hätten bringen können, wäre dieser Film auch für Kenner noch ein bisschen spannender geworden. Das impliziert wiederum: In diesem Musical gibt es keine gesprochenen Dialoge!
Für die „Profis“ bleibt als Spannungsbeilage nur der neue Song „Suddenly“, der von Hugh Jackman vorgetragen wird und eine kleine Lücke im Musical zu schließen wagt. In der Bühnenversion ist nämlich nicht klar, was es für Jean Valjean bedeutet, plötzlich Verantwortung für ein Kind (Cosette) tragen zu müssen. Und so ist der Macintosh ganz stolz, überhaupt eine Mini-Veränderung eingebaut zu haben.  Da wäre aber noch eine Menge mehr drin gewesen! Zum Beispiel: Wie kam es dazu, dass die Wirtsleute Thenadiers verarmten? 

In „Les Misérables“ gibt es unendlich viele Rollen, die teilweise sehr kurz, aber dennoch tragend sind. Sie tauchen auf, reißen dem  Zuschauer das Herz aus der Brust,  und verschwinden – meist durch Tod – wieder. Da kann man, wenn man sich nicht zu den „Les-Miz-Profis“ zählt, schon mal durcheinander kommen.  Daher folgt hier jetzt eine kleine Einführung in die wichtigsten Figuren:

Hugh Jackman, früher stets auf den Brettern der Musicalbühnen zu Hause, spielt überragend und mit viel Herzblut Jean Valjean, der es durch eine Kehrtwende in seinem geschundenen Leben schafft, Fabrikant, Bürgermeister und Gönner zu werden.

Anne Hathaway, die mit 10 Jahren dieses Musical zum ersten Mal sah (damals spielte ihre Mutter die Fabrikarbeiterin Fantine,  die ihr uneheliches Kind Cosette versorgen muss), schlüpft in genau diese Rolle. Ihre Leistung ist einfach nur sensationell. Ihre Mutter müsste vor Stolz platzen. Den Golden Globe hat sie schon gewonnen, der Oscar scheint ihr auch sicher zu sein.
 
Amanda Seyfried („Mamma Mia“)  mimt mit glockenklarer Gesangs-Stimme die zarte und engelsgleiche Cosette, eine Art Cinderella, die von ihrem Adoptivvater Valjean  aus dem Elend geholt wurde. 

Eddie Redmayne („My Week with Marilyn”)  schlüpft in die Figur des Studenten Marius und spielt und singt sich dabei die Seele aus dem Leib. Marius kommt aus sehr gutem Hause, schließt sich aber dennoch der Studenten-Protestbewegung an. Er erhascht einen Blick von Cosette und verliebt sich unsterblich in sie.

Sacha Baron Cohen und Helena Bonham Carter kommen als absolute Traumbesetzung für das schräge Ehepaar Thénadier daher, das mittels einer raffinierten - nennen wir es Choreografie - ihre anfangs zahlreichen Gästen im eigenen Wirtshaus bestiehlt. Ihr Pflegekind, die kleine Cosette (herzzerreißend und zum ersten Mal auf der Leinwand: Isabelle Allen), behandeln sie wie ein Aschenputtel, ihre eigene Tochter Éponine vergöttern sie und staffieren sie aus wie eine  Käthe-Kruse-Puppe.

Ebenfalls erstmalig auf der großen Leinwand ist Samantha Barks als erwachsene Éponine zu sehen. Sie, die Tochter der mittlerweile verarmten Thénardiers, verliebt sich ebenfalls in Marius, der in ihr aber nur die gute Freundin und Botengängerin sieht. Barks hatte diese Rolle mehrmals auf der Bühne gespielt. Das von ihr vorgetragene sehr traurige Liebesleidlied „On my Own“ gehört zu den wohl bekanntesten des Stücks.

Colm Wilkinson, der in der Uraufführung 1985 die Rolle des Valjean spielte, ist in der Verfilmung als Bischof von Digne zu sehen. Er nimmt den ausgestoßenen Jean Valjean bei sich auf und bringt ihn dazu, sein Leben zu ändern. Stets an Valjeans Versen klebt allerdings Inspektor Javert (Russell Crowe), da er gegen die Bewährungsauflagen verstoßen hat.

Apropos Ferse, jetzt kommen wir zu dem wunden Punkt der Verfilmung. Wie konnte man eine der beiden Hauptrollen bloß mit Russell Crowe so fehlbesetzen?  Keine Frage, er macht sich sehr gut auf dem Filmplakat. Natürlich will und muss man reichlich Tickets verkaufen, damit die Kosten für die Produktion wieder reinkommen.  Aber ausgerechnet er, der Oscar-Gewinner, als Javert sorgt für Abzüge in der B-Note. Er wirkt beinahe wie eine Holzpuppe, der es fast peinlich ist, vor der Kamera zu singen. Keins seiner von ihm vorgetragenen Gesangsstücke nimmt man ihm wirklich ab. Auch kommt der bodenlose Hass, den er für Valjean hegt und der ihn dazu treibt, ihn über beinahe zwei Jahrzehnte zu verfolgen, nicht rüber. Javert wirkt in dieser Interpretation wie ein kleingeistiger Inspektor, der vor seinem Chef die Hacken zusammenknallt und einfach nur seiner Pflicht nachgeht.  Hat da der Regisseur Tom Hooper etwa weggesehen oder noch versucht, zu retten, was zu retten ist? 

Dennoch konnte „Les Misérables“ bereits drei Golden Globes gewinnen und geht mit acht Nominierungen in das Rennen um die Oscars. Russell Crowe gehört freilich nicht zu den Ernannten. Ob es zu einem Preisregen kommt, ist aber ob der großen Konkurrenz beinahe auszuschließen.

Was sich allerdings der deutsche Verleih geleistet hat,  wird auf die Vergabe der begehrten Statuen selbstverständlich keinen Einfluss haben. Was sollten bitte die winzigen synchronisierten Wortfetzen zwischen den auf Englisch gesungenen Liedern, indem man beinahe nach Zufallsprinzip hier und da vom Sing- in den übersetzten Sprachmodus umgeschaltet hat? Wollte man die potentielle Anzahl an Zuschauern durch den Untertitel OmU nicht mindern? Dabei ist dieses Kinospektakel das, was es ist, nämlich eine Originalversion mit Untertiteln. Sprich, wer gesungenes Englisch nicht unbedingt versteht und dieses komplexe  Geschichte nicht kennt,  sollte sich vor dem Film – quasi als Vorbereitung - einmal den Soundtrack auf Deutsch anhören.

Trotz der Einschränkungen ist  „Les Misérables“ für sein musicalbegeistertes Publikum ein Fest, zu dem man unbedingt Taschentücher mitnehmen muss.

Zum Schluss noch eine Bitte. Um Ihren Mitzusehern das Spektakel nicht zu vermiesen, wäre es großartig, wenn Sie zumindest während der leisen Passagen auf das Verzehren von Popcorn und das damit verbundene Rascheln der Popcorn-Tüten verzichten könnten. Herzlichen Dank im Namen aller Musical-Fans.

Wertung: 9 von 10

Django unchained

Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz. Das sind die Attribute von Schneewittchen. Sie sind aber auch das Charakteristikum von Quentin Tarantinos neuestem Streich „Django Unchained“. Die Hautfarbe seines Western-Superheros (Jamie Foxx) kann mit dem schwarzen, samtglänzenden Ebenholz durchaus mithalten. Das Blut, das fassweise strömt, macht sich besonders gut, wenn es fontänenartig in den Schnee oder auf die Büschel der Baumwollpflanze, des Symbols für die Sklaverei schlechthin, schießt. Tarantino erzählt aber kein Märchen, sondern er webt eine Sage, und zwar die der Nibelungen,  in seinen Protest-Western, der zwei Jahre vor Beginn des Bürgerkriegs in den USA spielt. Gnadenlos geht er mit der amerikanischen Geschichte um, die zum Teil mit Sklavenblut geschrieben worden ist. Im Mittelpunkt seiner Erzählung steht neben dem Titelhelden der deutsche hocheloquente Emigrant, Dr. Schulz (Christoph Waltz). Seine Promotion hat er sich als Dentist erworben. Zähne hat er aber lange nicht mehr gezogen. Trotzdem fährt er in einem Holzwagen, auf dessen Dach ein überdimensional großer Zahn wackelt,  durch die Südstaaten, um seiner neuen Berufung nachzugehen, der Kopfgeldjägerei.  Je böser der gesuchte Schurke, umso erträglicher das Ergreifen des Gesuchten. Tot oder Lebendig. Tot ist Dr. Schulz lieber, auf zappelnde und sich wehrende Gefangene ist er nicht eingestellt. Um ein besonders lukratives Geschäft einzutüten, braucht er die Hilfe des Sklaven Django, der die Gesichter eines gesuchten Bruder-Trios haargenau kennt. Er kauft ihn aus den Händen seines ekelhaften und skrupellosen Besitzers, löst seine Blutfesseln und verpasst seinem Eigentümer noch einen ordentlichen Denkzettel, von dem er sich nie wieder erholen wird. Denn eins ist unserem Globetrotter völlig zuwider, nämlich das Gesetz, das Sklaverei erlaubt und fördert. Eines Nachts erzählt Django, der durch die Freiheit stündlich mehr an Selbstbewusstsein dazugewinnt, von seiner Frau Broomhilda, die sich im Besitz des Plantagenbesitzers Candy (Leonardo DiCaprio) befindet und deren Name auf dem altdeutschen Vornamen Brunhilde basiert. Dadurch inspiriert , beginnt Schulz über Siegfried, Drachen und Feuerringe zu schwadronieren, um sich freilich nicht genau an die Sage zu halten. Dennoch graben sich die Bilder bei Django ins Hirn ein. Er sieht in Siegfried sein anderes wahres Ich.

Die Geschichte selbst gehört nicht unbedingt zu den komplexesten von Quentin Tarantino. Dennoch ist es ihm gelungen, seine Wut und Abscheu über die Zustände, die damals in den Südstaaten herrschten, wunderbar süffisant durch seinen Film rauszulassen. Er hat es nicht gescheut, dabei selbst rassistisch vorzugehen, und das völlig zu Recht gegen diese weißen Drecksäcke. Hässlicher und widerwärtiger hätte man  Sklavenhalter und deren Handlanger wirklich nicht zeichnen könnten. Vollgepisste Hosen und eine Visage schlimmer als die andere, die Physiognomie einfach nur dummbatzig. Sprich, am liebsten nur zum Reinschlagen. Aber gerade so ist es dem Kult-Regisseur gelungen, diese Wut auf dieses Kapitel der Geschichte anzuheizen. Auch der rassistische Geheimbund der Südstaaten, der Ku-Klux-Klan muss in diesem Wut-Western dran glauben. Diese Trottel mit ihren bescheuerten Kapuzen werden so richtig schön vorgeführt. Bravo, Quentin.

Apropos Bravo, das Drehbuch, das gerade den Golden Globe gewonnen hat, ist sowohl ironisch als auch ausgekocht. Seine Hauptdarsteller haben eine diebische Freude an den Tag gelegt, um dieses Husarenstück zum Leben zu erwecken. Die Dialoge, die ihnen in den Mund gelegt worden sind, strotzen nur so vor Witz, Klugheit und Zynismus. Neben Django,  dargestellt von Jamie Foxx, der vom Sklaven mit unterwürfigem Blick zum großartigen Westernhelden mutieren darf, glänzen der frischgebackene Golden-Globe-Gewinner Christoph Waltz als Dr. Schulz, der, statt Schmerzen von  geschwollenen Backen zu lindern, lieber geschwollen daherredet, sowie last but überhaupt nicht least Leonardo, der ehemalige Teenie-Schwarm, als Kotzbrocken Candy, dessen Zähne eine dringende Reinigung vertragen könnten. Als einer der allergrößten Rassisten in diesem sensationellen Streifen brilliert - allerdings kaum zu erkennen - Tarantinos Wegbegleiter Samuel L. Jackson. Seine Figur ist wegen seiner Hautfarbe von Selbsthass geradezu zerfressen. In jedem seiner Sätze kommt das politisch hochunkorrekte Wort Nigger vor. Er schreckt vor keiner Folter zurück, die man einem Menschen antun kann.

Zart besaitet darf man also nicht sein, wenn man sich diesen Film ansehen möchte. Viele der Szenen sind unglaublich gewalttätig, die auch mal einen Brechreiz auslösen können. Den wilden Schießereien, in deren Kugelhagel Unmengen an Menschen umkommen, fehlt der Comicstil, um sie nicht allzu ernst zu nehmen. Trotzdem ist Tarantino der Spagat gelungen, seine Zuschauer sowohl zum Lachen als auch zum Schaudern zu bringen. Obwohl sein Anliegen ein wirkliches großes ist, war er so frei, nicht auf die Elemente zu verzichten, die ganz großes Kino benötigen. Dazu gehört neben Insidergags (Franco Nero spielt in einer Szene mit), einem Superhelden, den wilden Kamerafahren, harten Schnitten und großartigen Bildern ein absolut hitverdächtiger Soundtrack.

Alles in allem ist Quentin ein überragender Tarantino-Film gelungen, der Spaß bringt, schockiert und heiße Diskussionen entfacht.

Wertung: 10/10

 

 

The Sessions

Wenn Worte meine Sprache wären“  heißt es in einem Song von Tim Bendzko.  Die Zeilen drücken die Sehnsucht eines jungen Manns aus, der sich herzschmerzartig wünscht, ehrlich über seine Gefühle sprechen zu können. Der Journalist Mark O’Brien (John Hawkes; „Winter’s Bone“) muss sich darüber keine Gedanken machen. Er ist der intellektuelle Casanova der spritzigen, witzigen und auch poetischen Worte. Allerdings ist diese Gabe seine einzige Waffe, die er zum Verführen einer Frau einsetzen kann. Als Kind erkrankte er an Polio und ist seitdem vom Hals abwärts gelähmt und muss seine Lebenszeit größtenteils in einer Eisernen Lunge verbringen. Da ihm sein „bestes Stück“ eine Reihe von ejakulierenden Peinlichkeiten nicht erspart, denkt er mit Ende dreißig darüber nach, trotz  seines Handicaps seine Jungfräulichkeit zu verlieren. Erzkatholisch wie er ist, wendet er sich an den liberalen Priester seiner Gemeinde (großartig: William H. Macy) und lässt sich für sein Vorhaben sozusagen die Absolution erteilen. Aufgrund seines Glaubens kommt für Mark das Bemühen einer Prostituierten allerdings nicht in Frage.  Aber eine Sex-Therapeutin (Helen Hunt) müsste der liebe Gott eigentlich akzeptieren …

„The Sessions“ wurde auf allen Filmfestivals dieser Welt gefeiert. Das liegt zum einen an der Story, die auf einer wahren Begebenheit beruht. Eine Doku über den echten Mark gewann 1997 einen Oscar. Zum anderen liegt es aber auch an den großartigen Schauspielern. Zum Dahinschmelzen gut spielt John Hawkes den schwerbehinderten Mark. All sein schauspielerisches Können liegt in seiner nicht übertriebenen Mimik sowie in seinen Augen, die  seine Sehnsüchte und Gefühle widerspiegeln. Seine Leistung wurde mit einer Nominierung für den Golden Globe nominiert.  Beinahe überraschend, dass er für die Oscars 2013 keine Ernennung erhalten hat.
Erst robust und beinahe hemdsärmelig nach dem Motto „Jetzt aber ran an die Buletten“, dann sehr berührt, schlussendlich dann unglaublich verletzbar mimt Helen Hunt die Sex-Therapeutin Cheryl, die mit doch recht gewagten Methoden Mark dazu verhilft, ein „richtiger Mann“ zu werden. Sowohl die Academy (Oscars) als auch die Foreign Press Association (Golden Globes) haben sie mit einer Nominierung belohnt.
William H. Macy rundet mit seinem Spiel dieses hochkarätige Ensemble überragend ab. Gäbe es mehr von diesen sportlichen, trinkenden und rauchenden Priestern, die mehr humorvolle Seelsorger sind als nur klerikale Monologe von sich geben, würden die Kirchen mit Sicherheit nicht über das Fernbleiben der Schäfchen jammern. Daher ein freiwilliges Halleluja auf diesen wunderbaren Diener Gottes.

Insgesamt kann „The Sessions“ aber leider mit den besten Filmen des Jahres nicht ganz mithalten. Dafür kommt er etwas zu althergebracht daher. Dennoch ein absolutes Muss für Freunde der Schauspielkunst und der geschliffenen Dialoge.
Wertung: 8,5 von 10

Cloud Atlas

Es gibt diese Romane, die als unverfilmbar gelten. Anscheinend üben gerade diese auf Filmemacher eine außerordentliche Anziehungskraft aus. Wahrscheinlich will man dem Autor und den Lesern beweisen, dass man schlauer, intelligenter und gewiefter ist als sie alle zusammen. „Cloud Atlas“  gehört zu diesen Romanvorlagen. Trotzdem (oder gerade deshalb) haben sich Tom Tykwer und die Wachowski-Geschwister („Matrix“) den Bestseller von David Mitchell zur Brust genommen.

In einem Interview erzählte Tykwer die Herangehensweise. Man habe sich zusammen in einem Raum eingeschlossen und das Drehbuch aus der Erinnerung an den Roman geschrieben. Nicht aber als zusammenhängende Vorlage, sondern in Schnipseln auf Karteikarten. Das klingt schon mal sehr innovativ. Oder doch eher beängstigend? Schließlich besteht die Geschichte aus sechs Handlungssträngen, die sich über 500 Jahre ziehen und eine größere Anzahl an Protagonisten von Epoche zu Epoche reinkarnieren lassen.

1849
Der junge Anwalt Adam Ewing (Jim Sturgess) reist während der Zeit des Goldrausches um die Welt und wird mit den Grausamkeiten der Sklaverei konfrontiert. Einer seiner Weggefährten ist der Arzt Henry Goose (Tom Hanks), der sich als Hochstapler und Quacksalber entpuppt.

1936
 Der unwiderstehliche Musiker Robert Frobisher (Ben Whishaw) schreibt während seiner Anstellung bei dem größten Komponisten seiner Zeit, Vyvyan Ayrs  (Jim Broadbent), sein einziges bedeutendes musikalisches Werk, das Wolkenatlas-Sextett. Obwohl Robert seinen homosexuellen Freund Rufus Sixsmith (James D’Arcy) über alles liebt, beginnt er dennoch ein sexuelles Verhältnis mit der Ehefrau seines Geldgebers (Halle Berry). Die Verbindung zur ersten Epoche (1849) wird hergestellt, indem Robert in Ayrs‘ Schloss ein Tagebuch von Adam Ewing findet,  dessen Seiten aber ab Nummer 58 fehlen.  Er bittet seinen Freund Sixsmith, nach den fehlenden Aufzeichnungen zu suchen.

1973
Halle Berry ist jetzt als Journalistin Luisa Rey wiederauferstanden. Sie bleibt – Zufälle gibt es ja angeblich nicht – mit Rufus Sixsmith in einem Aufzug stecken. Durch dieses ungewollte Zusammentreffen erfährt sie nicht nur von einem fehlerhaften Atommeiler, der Top-Story schlechthin, sondern bekommt auch über ein paar Umwege die alten Briefe von Rufus‘  Liebsten Robert in die Hände. Die Verbindung zum Jahr 1936 ist somit hergestellt.

2012
Dem alternden Verleger Timothy Cavendish (Jim Broadbent) gelingt der große Wurf mit dem Buch „Knuckle Sandwich“. Dessen Autor, der wie ein Rapper aussehende Dermot Hoggins (Tom Hanks), wirft seinem Look entsprechend seinen schärfsten Kritiker vom Dach. Er landet im Gefängnis, die Verkaufszahlen explodieren, was wiederum den verschuldeten Verleger freut. Allerdings macht er die Rechnung ohne den Wirt und muss fliehen. Über viele Umwege gerät ihm Luisa Reys Manuskript in die Hände. Die Verbindung zum Jahr 1973 steht.

2144
Der weibliche Klon Sonmi wird im koreanischen Neo-Seoul angeklagt, weil sie ihrer Bestimmung entfliehen möchte. Der Rebell  Hae-Joo Chang (Jim Sturgess) versucht, ihr dabei zu helfen. Leider sind die Konzernokraten, die sie erschaffen haben, in der Überzahl. Verbindung zum Jahr 1849: Sonmi war mit Hae-Joo im früheren Leben verheiratet. Verbindung zu den Jahren 1936 und 1973: Der Zeit seines Lebens an Herzeleid darbende Sixsmith ist in den Körper des Archivars geschlüpft und zeigt bei seinem Verhör sensible Züge.

2346

In der letzten Epoche des Films hat es Tom Hanks als Ziegenhirt Zachary nach Hawaii verschlagen. Das klingt idyllischer als es ist. Blutrünstige Wilde sorgen für Tod, Angst und Schrecken. Der böseste unter den Barbaren: Hugh Grant, was unfreiwillig komisch wirkt. Halle Berry taucht als hochzivilisierte Besucherin auf. Sie lässt sich von Zachary auf einen Berg führen, um in einem Hologramm in die Aufzeichnung von Sonmi zu blicken. Auf dieser Wanderung entsteht eine weitere Verbindung zu vorherigen Handlungssträngen,  die stark an den „Planet der Affen“ erinnert.  

Das alles hört sich erst einmal sehr spannend und interessant an. Dieser Anschein trügt aber. Trotz des hochkarätigen Star-Ensembles, das über weite Strecken unter seinen Möglichkeiten bleibt,  bedeuten drei Stunden im Kinosessel Anstrengung pur. Wobei diesbezüglich die Meinungen kilometerweit auseinanderdriften. Um die größten Schwachpunkte dieses Epos aufzulisten, müssen wir erst einmal zum Anfang dieser Rezension zurückgehen. Der Roman wurde also aus der Erinnerung heraus in Schnipseln auf Karteikarten geschrieben. Diese unterschiedlich langen bzw. kurzen Erinnerungsfetzen wurden nach der Fertigstellung auf Zelluloid gebannt und kreuz und quer, trotzdem aber auch chronologisch, aneinander gereiht. Man muss mindestens die Hälfte der zerstückelten Geschichte über sich ergehen lassen, um überhaupt hereinzukommen. Um die Übergänge möglichst virtuos daherkommen zu lassen, geht am Ende des einen Schnipsels zum Beispiel ein Tor zu, im darauffolgenden auf. Diese Vorgehensweise wird dann noch zu allem Übel mit entsprechenden esoterischen Kalendersprüchen verstärkt. Auch die Dialoge und Monologe, die natürlich als Stilmittel verstanden werden wollen, nerven manchmal unsäglich. Trotzdem erzielt der Film eine faszinierende Wirkung auf das Unterbewusstsein, die über Tage anhalten kann. Daher bleibt die große Frage, ob es wirklich sein musste, dass die - je nach Geschmack - unterschiedlich interessanten Handlungsstränge so zerstückelt werden mussten, um durch diese „Finesse“ möglichst anspruchsvoll zu wirken? 

Selbstverständlich soll sich kein Cineast davon abhalten lassen, diesen Film, der wohl mehr als Symphonie verstanden werden will,  anzusehen. Alles andere wäre auch tragisch. Schließlich hat nicht nur Regie-Wunderkind Tom Tykwer einen Ruf zu verlieren, sondern auch der deutsche Film an sich. Mit 100 Millionen Herstellungskosten wurde in Sachen Bildgewalt und Staraufgebot in Babelsberg endlich mal richtig geklotzt. So wird dieses Epos zumindest für die Augen ein großer Schmaus. Bleibt zu hoffen, dass der magische Wolkenatlas den, nennen wir es mal so, Mut belohnt und den erhofften  finanziellen Regen mit sich trägt.

Wertung: 7/10

Argo

Mit einem Flugzeug voller Goldbarren flieht im Jahre 1979 Schah Mohammad Reza Pahlavi von Persien in die von Carter regierten USA. Kein Wunder, dass man ihm mit solch einem Schatz als Gastgeschenk Exil gewährt, wenn auch nicht besonders erfreut. Da im Iran Zustände wie im Wilden Westen herrschen, und man ihn dort so hoch wie möglich hängen sehen möchte, kann man dem Wunsch nach Auslieferung unmöglich nachkommen. Um diesem Anliegen Nachdruck zu verleihen, stürmen Scharen von Studenten die amerikanische Botschaft in Teheran. Alle Mitarbeiter werden in Geiselhaft genommen. Alle,  bis auf sechs. Ihnen gelingt im allgemeinen Tohuwabohu die Flucht ins Haus des Kanadischen Regierungsvertreters.

Um diese sechs Botschaftsmitarbeiter und deren absurde, aber wahre Befreiungsaktion dreht sich der heiße Oscar-Anwärter „Argo“. Regisseur Ben Affleck, früher eher bekannt wegen seiner „minimalistischen“ Spielweise  - frei nach dem Motto: warum zwei Gesichtsausdrücke, wenn auch einer reicht – lässt sein Image mit diesem überaus gelungenen Politthriller endgültig hinter sich. Seine Darstellung als Agent Tony Mendez  ist zwar immer noch nicht zum Niederknien, aber immerhin grundsolide und überaus sympathisch. Vielmehr aber geht es um seine Arbeit als Regisseur. Er lässt seine Akteure, wie John Goodman und Alan Arkin, völlig uneitel neben sich zur Hochform auflaufen.  Er erzählt spannend und witzig, wie in einem Husarenstück, in dem die CIA und  Hollywood-Größen kooperierten,  diese sechs US-Bürger außer Landes gebracht werden konnten.

Wäre jemand mit dieser Geschichte – ohne realistischen Hintergrund – zu einem Filmproduzenten gegangen, hätte der wahrscheinlich abgewunken. Zu unrealistisch, zu grotesk.  Denn wer würde tatsächlich auf die Idee kommen, geplante  Dreharbeiten eines gefakten Science-Fiction-Thrillers im Orient vorzutäuschen, um Bürger, denen die Todesstrafe droht, als Filmteam zu tarnen,  um dieses außer Landes zu fliegen?  Freilich nicht ohne es zu unterlassen, mit gefälschten Papieren an Unmengen von Sicherheitskontrollen vorbei zu spazieren, an denen bis zu den Zähnen bewaffnete, top ausgebildete und  blutlechzende Ordnungshüter ihrer Berufung nachgehen, möglichst viele flüchtige Reisende von ihrem Vorhaben abzuhalten. 

Auch wer von dieser legendenhaften Austrickserei des iranischen Regimes bisher noch nichts gehört hatte, kann sich höchstwahrscheinlich das Ende dieser Geschichte denken. Warum sollte man ein Misslingen 33 Jahre später verfilmen? Dennoch ist der Spannungsbogen bis zum Zerbersten gekrümmt, sodass man, neben der diebischen Freude über diesen Coup,  kaum ruhig auf seinem Stuhl sitzen bleiben kann. Hinzu kommen die überragenden Dialoge, die witzigen Seitenhiebe gegen die Machenschaften von geldgierigen Hollywood-Produzenten sowie die sehr realistischen Bilder im gelungenen Retro-Look, die diesen Film zum bisherigen Kinoereignis des Jahres 2012 werden lassen. Bleibt eigentlich nur noch die Frage, warum dieser Stoff, der buchstäblich auf der Straße lag, nicht schon früher verfilmt worden ist.
Wertung: 9,5/10

To Rome with Love

Viele Wege führen nach Rom. Kein Wunder also, dass es den stadtneurotischen Europareisenden Woody Allen nach London, Barcelona und Paris auch in die italienische Hauptstadt verschlägt. Hier legt er jetzt kunstvoll die Fäden seines Episodenfilms „To Rome with Love“ aus, ohne sich dabei zu überanstrengen, diese auch noch möglichst virtuell zu verweben. Wozu auch, wenn man Geschichten erzählen kann wie kein anderer. In seiner neusten verlaufen sich seine Protagonisten – und das nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes - im Irrgarten der römischen Altstadt.

Vom Wege weichen bzw. kommen ab: Ein Opernregisseur (Woody Allen) im Ruhestand, der am Nichtstun beinahe verzweifelt und in Rom seine letzte Chance wittert, als er den zukünftigen Schwiegervater seiner Tochter beim Schmettern von Arien unter der Dusche belauscht. Der wiederum ist ein braver Bestattungsunternehmer und möchte alles, nur nicht auf die Opernbühnen dieser Welt gezerrt werden. Ein nicht mehr ganz taufrischer Star-Architekt (Alec Baldwin), der noch mal an den Ort zurückkehren möchte, wo er einst die ganz große Liebe fand. Auf seiner Suche begegnet er einem jungen Architektur-Studenten (Jesse Eisenberg), der in einer soliden Beziehung mit seiner Freundin (Greta Gerwing) lebt, sich aber von der männermordenden und sympathisch dampfplaudernden besten Freundin (Ellen Page) nahezu verschlingen lässt. Ein völliger talentfreier Null-Acht-Fünfzehn-Römer (Roberto Benigni), der ohne jegliches Dazutun urplötzlich zur lokalen A-Prominenz aufsteigt und tollpatschig über die roten Teppiche der Metropole stolpert.  Ein junges gesittetes Ehepaar, das die Ehe noch nicht vollzogen hat, da sie, brav wie sie sind, noch nicht so richtig wissen, wie man das am besten anstellt. Auf dieser Suche trifft der junge Mann durch Zufall auf ein völlig ungeniertes Callgirl (Penelope Cruz) und die Gattin auf einen testosterongesteuerten und unsympathisch dampfplaudernden Star-Schauspieler, der seinen Ruhm gnadenlos und so was von triefend schleimig ausnutzt.

Um so eine vielseitige Geschichte erzählen zu können, bedarf es viel Lebenserfahrung, Beobachtungstalent und der großen Gabe zur Selbstironie.  In „To Rome with Love“ zieht Woody Allen so manche seiner Beobachtungen durch den Kakao. Dazu gehören:  das Brimborium um Promis sowie die Frage, was eine Person leisten bzw. überhaupt nicht leisten muss, um einer zu werden. Opern-Inszenierungen, die so gewollt kreativ sind, dass sie als Grotesken daher kommen, müssen ebenfalls dran glauben. Auch wird Allen in seinem Leben wohl unendlich viele wichtigtuerische Schwätzer kennengelernt und dabei festgestellt haben, dass man damit durchaus faszinierend und sympathisch sein kann, aber auch das pure schmierige Gegenteil.  Wie der Filmtitel schon vorweg nimmt, dreht sich in dieser Komödie alles um die Liebe. Aber Vorsicht: So mancher Zuschauer bekommt augenzwinkernd und psychologisch blitzgescheit einen Spiegel vorgehalten. Da kann es durchaus passieren, dass man sogar noch nach dem Abspann basserstaunt wie festgetackert im Sessel verharrt.  

Woody Allens Cast strotzt nur so vor hochkarätigen Schauspielern, denen er geschliffene Dialoge in den Mund gelegt hat. Das Großartige: er führt dieses Ensemble nicht nur als Regisseur bei der Umsetzung seines genialen Drehbuchs an, sondern auch als Darsteller einer der Hauptrollen. Wie er den frustrierten Ruheständler  spielt, ist zum Schmunzeln, wenn nicht sogar zum Wegschmeißen komisch. Es ist ein reinstes Fest, ihm beim Ausleben seiner wohl  eigenen Neurosen zusehen zu dürfen. Das kann nicht nur die Rolle sein. Die feurige Spanierin Penelope Cruz, wie so oft das verruchte Weibsbild, spricht in diesem Film faszinierend gut Italienisch. Freilich nur, wenn man sich diesen wunderbaren Streifen in der Originalfassung ansieht, was zu empfehlen ist, weil in der synchronisierten Fassung unendlich viel des Charmes und Humors verloren geht. Andererseits sollte, wer nicht fließend Italienisch und Englisch spricht, die OmU-Fassung bevorzugen, denn ohne Untertitel ist man verloren.

Der eine oder andere Handlungsstrang, insbesondere der von Roberto Benigni, mag etwas überzogen wirken. Man kann ihn aber durchaus als hochsatirische Abrechnung mit den Paparazzi und Medien sehen, die mit der intelligenten Variante der Holzhammermethode köstlich einen über ihre sensationsgierige Rübe gezogen bekommen.

Wertung 10/10 

Magic Mike

Kleines Quiz gefällig? Wir suchen einen wirklich guten Schauspieler, mit der großartigen Gabe, sich und sein Image lustvoll und selbstironisch auf den Arm zu nehmen. Bisher war er eher bekannt als ehemaliger „Sexiest Man Alive“, Sixpackträger und  „Mit-dem-Surfbrett-unter-dem-muskelbepackten-Arm-durchs-Bild-Läufer“? Großartig anders fiel der Kerl mit dem unaussprechbaren Namen und der Frisur, die an die Minipli der 80er Jahre erinnert, nicht weiter auf.  Richtig geraten, wir sprechen über Matthew McConaughey. Er ist einer, wenn nicht der heimliche, völlig überraschende Star in Steven Soderberghs neuem Streifen. McConaughey spielt den schmierigen Club-Betreiber Dallas, in dem Männer-Stripper jeden Abend tanzend mehr oder weniger blankziehen. Seine Tänzer rund um Hauptattraktion Magic Mike (Channing Tatum, „21 Jump Street“) feuert er mit dämlichen Sprüchen, ordinären Bewegungen und Aufputschdrogen an. Gezündet gehen die Jungs raus auf die Bühne und ziehen ihre heiße Show ab. Die Kostüme erinnern an Kinderfasching. Feuerwehrmänner, Polizisten und schießwütige Cowboys kreisen wild mit ihren Hüften und simulieren das Begatten.  Der Höhepunkt des Abends besteht darin, dass eine der grölenden Besucherinnen auf den heißen Stuhl zum Trocken-Kopulieren auf die Bühne gehoben wird, was die meist sehr jungen Zuschauerinnen noch mehr toben lässt.

Diese skurrile Combo wird dem Kinobesucher durch die Augen des 19-jährigen Adam (Alex Pettyfer) näher gebracht. Er lernt Mike, der neben seiner Stripper-Karriere noch als Dachdecker schuftet, auf einer Baustelle kennen. Mehr durch Zufall wird Adam auf die Bühne geschubst, auf der er einen improvisierten Strip hinlegt, der an „The Full Monty“ erinnert. Zum Schieflachen, obwohl diese Szenen auch etwas Bemitleidenswertes haben und den Beschützer-Instinkt in den Herzen der Damen wecken. Das ist übrigens die eigentliche Kunst von Steven Soderbergh. Er schafft es, eine Komödie, die zweifelsohne sehr witzig ist, am Ende des Tages als Melodram daher kommen zu lassen, das nachhaltige Gefühle im Zuschauer weckt. Natürlich verrät Soderbergh seine Schauspieler nicht, obwohl ihr Gebaren auf der Bühne mehr als lächerlich ist. Er zieht sie durch den Kakao und nimmt sie aber trotzdem sehr ernst. Das ist eine Gratwanderung, die wirklich nur richtig gute Regisseure hinbekommen. Für Filmfans ein Segen, dass Steven seine Androhung nicht in die Tat umgesetzt hat, nach dem Misserfolg von „Haywire“ mit dem Drehen aufzuhören.

Neben den oben erwähnten schauspielerischen Leistungen von McConaughey kitzelt Soderbergh auch aus der Titelfigur alles heraus. Channing Tatum, bekannt aus Tanzfilmen wie „21 Jump Street“ darf in „Magic Mike“ zeigen, dass er neben dem Tanzen auch wirklich gut schauspielern kann und anrührend die leisen Töne trifft. Besonders wird dies sichtbar, wenn er mit Adams Schwester Brooke (Cody Horn) zarte Bande knüpft. Horn, die eine unheimliche Ähnlichkeit mit der jungen Anke Engelke hat, ist der Job ihres kleinen Bruders im „Xquisite Strip Club“ zwar ein Dorn im Auge, trotzdem kann sie nicht verhindern, dass zwischen ihr und Stripper Mike etwas am Gären ist, was man sich als verantwortungsbewusste junge Frau nicht gerade als Traumszenario ausmalt.
 
„Magic Mike“ ist sicherlich nicht Soderberghs bester Film. Da liegt die Messlatte mit „Traffic“ und „Ocean’s Eleven“ natürlich sehr hoch. Dennoch ist es ein richtig guter Film mit viel Humor, bissiger Ironie und – selbstredend – tollen, modernen Bildern.  Abschließend noch ein kleiner Tipp: McConaugheys Gesang (ja, er singt, wenn auch wie ein abgehalfterter Schlager-Fuzzi) wurde in der deutschen Fassung synchronisiert. Was soll das bitte? Daher unbedingt die OmU-Version ansehen. Ansonsten gehen Gags,  wie die Schlagereinlage,  völlig verloren. 

Und noch ein PS: Vor ein paar Wochen wurden in den USA zwei Polizisten, die wegen Ruhestörung eine Mädels-Party beenden sollten, die Klamotten vom Leib gerissen. An welchem Film das wohl lag? 

Wertung: 8,5 von 10