Can a Song save your Life?

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Lost in Music

Nach diesem Tag, der schlimmer nicht hätte laufen können, möchte sich Dan (Mark Ruffalo) am liebsten vor den Zug werfen. Zum Glück hat die Bahn mal wieder Verspätung und so entscheidet sich der ausgebrannte Musikmanager, noch einen Drink in einer Bar zu nehmen. Hier performt gerade die schüchterne Songwriterin Gretta (Hollywoodschönheit mit süßen Makeln: Keira Knightley) ihren Song „Step You Can’t Take Back“. (Ja, sie kann super schön singen.) Man könnte Gretta fast als Dans Schutzengel bezeichnen, denn er wird von diesem Lied wie vom Blitz getroffen. In geschickten Rückblenden lernen wir Zuschauer, dass er gerade von dem von ihm gegründeten Plattenlabel gefeuert worden ist, von seiner Ehefrau getrennt mehr haust als lebt und schon längst den Bezug zu seiner Teenie-Tochter verloren hat. Gretta ist frisch getrennt von ihrem Freund, dem angehenden Popstar Dave, gespielt von dem zum Verlieben charismatischen Frontmann der Maroon 5 (Adam „Hach“ Levine). Kaum hat seine Karriere, an der er seit Jahren mit seiner Herzensdame gebastelt hat,  begonnen, schon muss er sie betrügen. Gretta ist nun krank vor Liebeskummer und mag kaum den Unterschlupf, den sie bei ihrem besten Freund findet, verlassen. Doch der motiviert sie, mit in die besagte Bar zu gehen, wo sie – Schicksal sei Dank – auf Dan trifft.  Die zwei Gestrauchelten finden über die Musik zusammen. Sie gründen eine Band und nehmen in den unterschiedlichsten Locations von New York ein Demo-Album auf. Durch dieses Projekt können die Beiden ihre Kreativität voll ausleben, sich selbst verwirklich und den Weg zurück in ein selbst bestimmtes Leben finden. 

John Carney, der mit seinem Independence-Film „Once“ den Oscar für den besten Filmsong gewann, beweist mit „Can a Song save your Life?“ erneut, dass er die Partitur der romantischen Musikkomödie sehr gefühlvoll und gekonnt spielen kann. Er trifft die Töne, die nicht nur Musikerherzen höher schlagen lässt, versammelt einen umwerfend guten Cast vor der Kamera und würzt das Ganze mit einer Prise „Lost in Translation“.  So wurde sein neustes Werk, das auf subtile Art die Machenschaften der Musikbranche kritisiert, zu einem der schönsten und bezauberndsten Kinoerlebnisse des Jahres 2014. Beseelter kann man sich nach dem Genuss eines Films kaum fühlen. Schlussendlich sitzt man ¾ der Vorstellung leicht grinsend in seinem Sessel, weil diese Geschichte über Liebe, tiefe Freundschaften,  Krisen, Trennung, Versöhnung, Dankbarkeit und natürlich großartige Musik einfach nur glücklich macht. Ohne weiteres hätte daraus eine Hollywood-Schmonzette werden können, was sich romantisch veranlagte Zuschauer vielleicht auch gewünscht hätten. Aber genau das hat Carney eben nicht gemacht. Und das ist das wunderbar Besondere an dieser zauberhaften Kinoperle.

„Can a Song save your Life?“ gehört zu den Filmen, in die man beinahe jeden potenziellen Kinobesucher persönlich reinschleppen möchte, damit dieses Juwel ja nicht an jemandem vorbeigeht, der sich eventuell vom Titel irritieren lässt. Im Original heißt es übrigens ganz kurz und knackig „Begin Again“, was den Nagel viel mehr auf den Kopf trifft. Apropos Original: Bitte, wenn möglich, in der OmU-Fassung ansehen, da einige Dialoge in die Songs übergehen, was in der Übersetzung zwangsläufig untergeht. 

Wertung: 9/10

Wir sind die Neuen

 

Wenn 68er auf Win-Win, Outsourcing und Rollkoffer treffen

Wer kennt sie nicht, die Wohnsituation in Großstädten. Für jede einigermaßen attraktive und bezahlbare Bleibe gibt es unzählige Mitbewerber. Kein Wunder also, dass das Modell Wohngemeinschaft nicht nur für Studenten attraktiv ist. Die „Neuen“ bestehen aus drei quietschfidelen Rentnern um die 60, die sich direkt unter einer spießigen und herrlich verspannten Studenten-WG einnisten. In den wilden 68er Jahren lebten sie schon mal zusammen. Ihr Akademiker-Dasein nutzen sie eher für Sozial- und Herzensprojekte als zum Geldscheffeln. Nun ist die Rente überschaubar, die Mietpreise hoch und die Einsamkeit nicht gerade prickelnd. So machen sie aus der Not eine Tugend und versuchen mit einer Neuauflage ihrer Münchner Studenten-WG an die alten guten Zeiten anzuknüpfen, was nicht immer ganz einfach ist. Die Zeiten haben sich geändert und die „Neuen“ natürlich auch. Trotzdem machen sie Party, trinken wie die Schluckspechte, streiten und diskutieren laut über den Sinn oder Unsinn eines Internet-Anschlusses. Einen Stock über ihnen sind die auf Karriere gepolten angehenden Yuppies alles andere als amused. Sie fühlen sich gestört und machen reichlich Terror, damit wieder Ruhe einkehrt. So gibt es unzählige Situationen, die den Generationskonflikt mit Sprengstoff versorgen, was wunderbar komisch ist. 

Ralf Westhoff, der mit „Shoppen“ einen Kulthit gelandet hat, zeigte mit seinem Erstlingswerk, dass er ein unglaublich gutes Händchen für Darsteller hat. Einige seiner Schauspieler, die alle vom Münchner Theater kommen, dürfen erneut in seiner neuen Komödie in kleinen Nebenrollen glänzen. Ganz vorneweg übrigens Matthias Bundschuh, der den Rollkoffermann mit Blackberry und Unternehmensberater-Jargon spielt. In die Hauptrollen schlüpfen allerdings alles Schauspieler, die beim Speed-Dating (das Thema von „Shoppen“) nicht dabei waren. Zum Quietschen komisch sind natürlich die Alten, oder Neuen oder wie auch immer. Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach  und Michael Wittenborn sind die 68er. Aber auch die Jungen, sprich die Alten im Mietshaus, machen ihre Sache richtig gut. Claudia Eisinger, Karoline Schuch und Patrick Güldenberg verkörpern die gestressten Win-Win-Studenten. Ralf Westhoff, der König der Dialoge, hat diesen sechs aufeinandertreffenden WG-lern soviel Witz in den Mund gelegt, dass man noch Tage später darüber lachen kann. Hinzu kommt viel Situationskomik, ein bisschen Drama und viel Verständnis für seine Figuren. Niemand wird hier von ihm für einen Gag verraten. Einfach nur herrlich. So gehört „Wir sind die Neuen“ zweifelsohne zu den Perlen im Kinosommerloch 2014. Also ja nicht verpassen und den Termin gleich ins Blackberry, iPhone oder – ganz oldschool  - ins Notizbuch eintragen. 

Wertung: 8,5 von 10 

Oktober November

Es gibt Filme, in denen nicht viel passiert, die einen aber trotzdem in den Bann ziehen. „Oktober November“ gehört zu diesen Geschichten. Erschaffen wurde diese Erzählung vom österreichischen Drehbuchautor und Regisseur Götz Spielmann, dessen Vorgängerfilm „Revanche“ für den Oscar nominiert wurde. Jetzt kommt sein Nachfolger in die Kinos. Sein Familiendrama lebt von der besonderen Atmosphäre und den brillanten Schauspielern. Es geht um Entwurzelung, Eifersucht, Sterben und die Frage, was eigentlich wirklich wichtig im Leben ist. Der Hauptspielort ist ein verlassener Alpengasthof in Österreich. Zwei Schwestern, die sich ziemlich auseinander gelebt haben, treffen wegen eines Herzinfarkts des Vaters (Peter Simonischek), eines mürrischen Patriarchen, wieder notgedrungen aufeinander. Sonja (Nora von Waldstätten) lebt in Berlin und arbeitet dort als gefeierte Schauspielerin. Trotz ihrer Erfolge ist sie nicht wirklich glücklich und hat ständig mit Traurigkeit und Depressionen zu kämpfen. Verena (Ursula Strauss) hat den kleinen Ort in Österreich nie verlassen, da sie ihren Vater nicht allein lassen wollte. Sie lebt mit ihm, ihrem Mann und ihrem Sohn in dem mittlerweile völlig verlassenen Gasthof. Dieser Gasthof ohne Gäste verbreitet eine unheimliche Einsamkeit.  Um diesem Einsiedlerleben ein wenig entfliehen zu können, fängt Verena eine Liebesbeziehung mit dem attraktiven Landarzt (Sebastian Koch) an, der den erkrankten Vater behandelt. Die Handlung klingt wahrscheinlich mehr nach Fernsehfilm als nach Kinostoff, wäre da eben nicht Spielmann mit seinen intensiven Darstellern am Werk.

Über dieser Oktober-November-Familie schwebt das Unausgesprochene wie Nebelschwaden von Herbsttagen. Spielmann lässt seinem Kameramann reichlich Zeit, dieses Ungesagte einzufangen. Er verlangt dem Zuschauer einiges ab, indem er das Sterben des Vaters beinahe unerträglich in die Länge zieht. Insgesamt kommt dieses österreichische Drama auf gut zwei Stunden. Umsetzen kann man so ein Projekt tatsächlich nur, wenn man als Regisseur zum einen das Talent hat, solche im Prinzip nicht kinotauglichen Geschichten so spannend zu inszenieren. Zum anderen benötigt man die Reputation, um auf großartige Darsteller wie Strauss und Simonischek zurückgreifen zu können, um diese dann zu Höchstleistungen anzuspornen. Freilich ohne dass der Zuschauer die Sporen auch nur ansatzweise merkt. Das ist schlussendlich die Kunst, die nicht jeder beherrscht. Ansonsten wäre dabei am Ende wirklich nur ein langweiliger, bemühter Fernsehfilm herausgekommen.  

Wer sich auf kammerspielartige, höchst authentische und schwermütige Filme einlassen kann und mag, kein Problem mit einer konventionellen und langsamen Erzählweise hat sowie nicht unter Herbstdepressionen leidet, wird sich von „Oktober-November“ nachhaltig berühren lassen können. Fans vom Krimimelodram „Revanche“ sollten die Bilder, die sich für immer und ewig ins Hirn gebrannt haben, allerdings abschütteln, damit sie von einer allzu großen Erwartungshaltung nicht enttäuscht werden. Denn das Tragische an grandiosen Erstlingswerken ist, dass der Nachfolger nur in den allerseltensten Fällen in dessen Fußstapfen treten kann. Irgendwie gesund, wenn die nächsten Spuren dann etwas kleiner ausfallen. 

Wertung: 8,5 von 10

Rosie

Vergesst „Paulette“, jetzt kommt „Rosie“. Rosie ist Witwe, lebt in einem kleinen Ort in der Schweiz. Ihre zwei erwachsenen Kinder sind natürlich viel zu beschäftigt, um die Mama regelmäßig zu besuchen. Kein Wunder also, dass die alte Dame dem Alkohol und den Kippen nicht abgeneigt ist. Sonst hat sie ja nix, außer ihrer Mieze. Eines Tages trifft sie der Schlag und ihre Kinder eilen ans Krankenbett. Ihr Sohn Lorenz ist ein recht erfolgreicher schwuler Schriftsteller, der aber gerade in einer mittelschweren Schaffenskrise steckt. Eine feste Beziehung hat er nicht, lässt es aber ganz locker im fernen Berlin krachen. Seine Schwester lebt unglücklich verheiratet direkt am kreischenden Sägewerk, worüber Mutter Rosie sich ganz wunderbar auslässt. Lästern muss man können. Und Rosie kann’s. Sie hat sowieso immer einen kessen Spruch auf den Lippen, mit dem sie ihre Kinder entweder zum Lachen, zum Schämen oder zur Weißglut bringt. Ansonsten bündelt diese burschikose herzerfrischende Frau all ihre Energie, um sich ihre Eigenständigkeit zu bewahren. Wenn schon Pfleger, dann will sie sich diese selbst aussuchen. Eine Pflegeausbildung müssen ihre Betreuer nicht in ihrer Vita stehen haben. Sie sollen lieber einen Schluck mitbringen, wenn sie bei ihr ihre Hausbesuche abstatten. Ist klar. Einer von ihnen ist Mario. Ein schnuckeliger liebevoller Mann, der ein Auge auf den viel älteren Lorenz geworfen hat. Zunächst ist es nicht ersichtlich, ob er einfach nur Fan und Stalker vom großen Schriftsteller ist. Oder ob er sich tatsächlich in den Menschen verguckt hat. Lorenz schubst den hübschen Kerl zwar nicht von der Bettkante, möchte sich aber nicht wirklich auf ihn einlassen. Mutter Rosie findet Mario aber als Pfleger ganz geeignet und amüsiert sich prächtig mit ihm. So krachen mehrere Welten aufeinander: Alpenpanorama, Schwyzerdütsch und Kuhglocken treffen auf Homo-Sex, Stalking, Hexenschuss und Outing. 

Getragen wird diese tragisch-komische Geschichte von der großartigen Sibylle Brunner. Ihre Darstellung der Rosie ist einfach umwerfend. Völlig uneitel lässt sie nach dem Schlaganfall eine Gesichtshälfte herab hängen, schaut unfrisiert mitleiderregend aus der Wäsche und lässt sich nach Alkohol-Exzessen ins Bett wuchten. Die Dialoge, die man dieser sowohl humorvollen als auch burschikosen Frau in den Mund gelegt hat, sind herrlich. Auch rührt diese Geschichte ungemein. Wie oft kommt es heutzutage vor, dass Eltern geschuftet haben, um ihre Kinder großzuziehen. Kaum sind sie erwachsen, werden diese Eltern zur Last. Man stattet nur noch Pflichtbesuche ab. Das ist doch einfach furchtbar. Rosies Pfleger haben aber sichtlich Spaß mit ihr. Mit dieser Frau, die qualmt und trinkt, bis buchstäblich der Arzt kommt, ist es auch nicht sonderlich schwer, sich zu amüsieren. Ihre Kinder, nach dem Schlaganfall dann doch beunruhigt, wollten sie aber nur bevormunden und am besten gleich ins Altersheim abschieben, damit sie nicht weiterhin solch einen Schindluder mit ihrer Gesundheit treiben kann.  Natürlich kann man das auch verstehen. Dennoch haben sie ganz vergessen, dass ihre Mutter eine Ulknudel ist, die, wenn man es nur zulässt, überhaupt keine Last ist. 

Zum Feixen sind die kleinen Geschichten in der Geschichte insbesondere deshalb, da wir Flachlandtiroler immer noch die Schweiz mit dem Alm-Öhi und seiner Heidi (die sich hoffentlich nicht im Grabe umdrehen werden) verbinden. Da sitzen zum Beispiel zwei Männer auf einem Bergbauernhof auf einer Bank. Die Kuhglocken läuten, der Blick auf die Alpen erinnert an Schweizer-Käse-Werbespots. Die beiden Kerle reden aber nicht über Milcherzeugnisse, sondern über L’Amour dangereux unter Männern. Göttlich, wie da mit dem Klischee aufgeräumt wird. 

Marcel Gislers, Gewinner des Zürcher Filmfestivals 2013, ist mit seinen Skandalen um Rosie ein wahres Kinohighlight mit viel Charme, Wärme, Witz, Tragik und Schweizer Akzent geglückt. Seine „Kinder-Lasst-Eure-Eltern-Nicht-Hängen-Message“ kommt gekonnt beiläufig und überhaupt nicht mit dem Holzhammer daher. Aber auf gar keinen Fall erzielt sie weniger Trefferwirkung.

Wertung: 9 von 10 

Grace von Monaco

Die Hollywood-Schauspielerin Grace Kelly gehört ohne Zweifel zu den schönsten Frauen, die je auf unserem Planeten lebten beziehungsweise noch leben. Unvergessen ihre All-Time-Klassiker „Über den Dächern von Nizza“ und „Bei Anruf Mord“. Während der Dreharbeiten an der Côte d’Azur verliebt sich ein Prinz in sie und holt sie auf seinem Schimmel in sein Schloss, wo sie fortan glücklich bis an ihr Lebensende lebten. Halt! Stop! Cut! So hätten wir es gern. So war es aber nicht. „Grace von Monaco“ beginnt mit dem Satz „Die Vorstellung, dass mein Leben als Märchen bezeichnet wird, ist an sich schon märchenhaft“. Der Film setzt sechs Jahre nach der Traumhochzeit im Zwergstaat ein. Monaco steckt in einer schweren politischen Krise, Grace hat sich mit ihrer Rolle als Fürstin noch nicht so wirklich angefreundet, ihr Prinz ist gestresst vom Tagesgeschäft. Wie schon Sissi, die Kaiserin von Österreich, leidet auch sie unter den Hackordnungen, strengen Regeln und verkrusteten Ansichten bei Hofe. Ausgerechnet in einer der schwersten Zeiten, die Monaco je erlebt hat, taucht Alfred Hitchcock im Schloss auf, um Grace die Hauptrolle in seinem Film „Marnie“ anzubieten. Sie möchte diese am Liebsten annehmen, ahnt aber, dass sie mit ihrer Rückkehr nach Hollywood zum Freiwild für die Medien werden würde. Schlussendlich entscheidet sie sich nach vielen Gesprächen mit ihrem Betvater, in die größte Rolle ihres Lebens zu schlüpfen, nämlich in die von Grazia Patrizia, Fürstin von Monaco.

Ein Schelm, der im Vorfeld Gedanken hatte wie „Die Kidman traut sich was, ausgerechnet die Kelly zu spielen“. Aber eins muss man ihr lassen, diese bösen Gedanken verfliegen sofort. Sie macht ihre Sache gewaltig gut und lässt die große Grace zwar nicht vergessen, setzt ihr aber ein Denkmal, indem sie nicht als naives Dummerle à la Schicksals-Sissi daherkommt, sondern als selbstbewusste, kluge, moderne Frau aus Fleisch und Blut, die sich einmischt und nicht unterbuttern lässt. Richtig spannend wird es, wenn die Fürstin begreift, dass sie ihre Schönheit, Grazie, Glamour und den Kult um ihre Person als Politikmittel einsetzen kann, um die Journalistenschar dorthin zu lenken, wo es für die Belange von Monaco gut ist. So versteht dann auch der letzte Regenbogenpresse-Liebhaber, dass es sich beim Job „Prinzessin“ tatsächlich um harte Arbeit und nicht um ein Leben wie eine Made im Speck handelt, die sich durch diesen in Saus und Braus durchfuttert.

Im Gegensatz zu dem, was man von einem Titel „Grace von Monaco“ erwartet, hat Regisseur Olivier Dahan („La vie en rose“) keinen romantischen, schwülstigen Liebes-Prinzessinnen-Film abgeliefert, sondern einen richtig spannenden Politikkrimi, in denen neben dem Fürstenpaar Figuren wie Onassis und die Callas vorkommen, die allesamt von sehr guten Schauspielern dargestellt werden.

Kameramann Eric Gautier durfte sich wunderbar austoben. Die Küste in Südfrankreich lieferte dazu genauso eine Steilvorlage wie das Schloss mit all seinem Plüsch und seinen Lüstern.

Vor der Weltpremiere in Cannes distanzierten sich Fürst Albert, Caroline und Stephanie von Monaco bereits von dem Film. Denn es handelt sich bei Dahans Interpretation nicht um einen historisch exakt recherchierten Dokumentarfilm, sondern um einen Spielfilm, dessen Drehbuch über weite Strecken fiktiv ist. Wahre Geschehnisse dienten der Filmvorlage lediglich zur Inspiration. Dass sich die drei Geschwister echauffieren, kann man verstehen. Denn immerhin war die Ikone, um die es sich hier dreht, ihre viel zu früh durch einen Unfall verstorbene Mutter.

Wertung: 8,5 von 10 

Nächster Halt: Fruitvale Station

Keine Frage, Oscar Grant geht ein bisschen zu schnell die Hutschnur hoch. Er ist ein bisschen zu früh in den Knast gewandert. Und mit dem Vaterwerden hätte sich der Zweiundzwanzigjährige auch etwas mehr Zeit lassen können, auch wenn er im Umgang mit seiner vierjährigen Tochter einfach nur herzallerliebst ist. Trotz der vielen „bisschen“ und „etwas“ trägt der junge Kerl sein Herz am rechten Fleck, liebt seine Mama, seine Tochter, seine Freundin, auch wenn er zu ihr nicht immer ganz ehrlich ist. Er ist in seinem großen Freundeskreis überaus beliebt, sieht es aber nicht all zu eng mit der Pünktlichkeit. Und so verliert er mal wieder einen Job. Auf die schiefe Bahn könnte er allein schon wegen seiner Geldnot sofort wieder geraten, zumal er eine größere Menge an Marihuana besitzt, die er nur verticken müsste, um seine Miete zahlen zu können. Tut er aber nicht. Oscar versucht alles, um ein verantwortungsbewusstes Mitglied seiner überaus liebevollen Familie zu werden. Am Morgen des 31. Dezembers 2008 hat er ein besonders mulmiges Gefühl. Er spürt, dass etwas nicht Greifbares in der Luft liegt. Für ihn wird es ein Tag der Klärung, um seinen Bestrebungen, ein besserer Mensch zu werden, den Weg zu ebnen. In der Silvesternacht würde er am Liebsten zu Hause bleiben, aber seine Freundin möchte lieber feiern und das Feuerwerk in San Francisco bewundern. Er würde lieber mit dem Auto in die Großstadt fahren. Seine Mutter überzeugt ihn jedoch, die Bahn zu nehmen, weil ihr die Anreise so viel sicherer erscheint. Auf der Rückfahrt zur Fruitvale Station gerät Oscar völlig schuldlos in einen handfesten Streit mit einem ehemaligen Knastbruder. Der völlig übertriebene Polizeieinsatz, der darauf folgt, endet in einer unfassbaren Tragödie. Unzählige Handyaufnahmen dokumentieren diesen Vorfall, der an Brutalität nicht zu überbieten ist und auf einer wahren Geschichte beruht. Nicht nur die Bay Area, in der die titelgebende Station liegt, war von diesen Übergriffen erschüttert. Ganz Amerika war fassungslos darüber, zu welchen Brutalitäten ihre sogenannten Gesetzeshüter fähig sind.

Der junge Nachwuchs-Regisseur und Drehbuchautor Ryan Coogler hat sich diesen Fall von rassistisch motivierter Polizeigewalt vorgenommen und gewann mit seiner Umsetzung beim Sundance Filmfestival nicht nur den Großen Preis, sondern auch den begehrten Publikumspreis. Als einer der Produzenten konnte der junge Regisseur den Oscar-Preisträger Forest Whitaker gewinnen. Somit war es dann auch möglich, eine erstklassige Besetzung zu verpflichten. So brillieren unter anderem Michael B. Jordan als Oscar Grant und Octavia Spencer als dessen Mutter.

Die Art, wie der Filmemacher sein sensationelles Erstlingswerk in Szene gesetzt hat, ist einfach nur überwältigend. Er lässt sich genügend Zeit, die Figur Oscar sowie dessen überwiegend schwarzes Umfeld aufzubauen. Solange man „unter sich“ bleibt, kann man Anfeindungen, die absurderweise wegen der Hautfarbe entstehen, aus dem Weg gehen. Deshalb gibt es hier, außer mal in der Denkweise, so gut wie kein Schwarz-Weiß. Auch wenn der junge Mann alles andere als ein Heiliger ist, schließt man ihn tief ins Herz. Coogler ist es absolut gelungen, aus der Gerichtsakte „Oscar Grant“ einen modernen Spielfilm zu machen, der gesellschaftskritisch daher kommt, ohne dass dieser Film vor lauter Gesellschaftskritik zum angestrengten Lehrfilm mutiert. Er zeigt, wie viele Schicksale mit einem einzigen Menschen verwoben sind. Seine herzzerreißende Geschichte ist gleichzeitig eine Hymne an die Menschenrechte als auch ein wuchtiger Schlag gegen den unverzeihlichen widerwärtigen Rassismus. Selbstverständlich solidarisiert er sich in seinem Drama mit Oscar und holt damit hoffentlich jeden einzelnen Zuschauer ab. Perfide, dass die wahre Geschichte auch Menschen auf den Plan rief, die meinten, es wäre ihm, dem schwarzen Mann, grad recht geschehen. Wie krank kann man sein.

Es gibt nur wenige Filme, die es schaffen, ihre Zuschauer bis zum letzten Wort des Abspanns mucksmäuschenstill auf ihren Sitzen zu halten. Die Zeit der an sich vorbeirollenden Erwähnungen braucht man fast, um seine Tränen zu trocknen und sich von diesem großartigen aufwühlenden Independence-Film zumindest ansatzweise zu erholen. Dennoch ist man noch Stunden später einfach nur wütend, traurig und emotional völlig durch den Wind.

Wertung: 10/10 

Love Steaks

Die laute Lara ist eine echte Revoluzzerin. Sie könnte irgendwann zu den jungen wilden Köchen zählen, sofern sie es überhaupt schafft, ihre Lehre in einem unglaublich spießigen Wellnesshotel erfolgreich abzuschließen. Sie ist alles andere als auf den Mund gefallen, legt alles flach, was nicht bei drei auf dem Baum ist und steht auf Steaks. Wäre sie ein Kerl, dann würde auf sie der Begriff „Macho“ wie der Klaps auf den Hintern der männlichen Kollegen passen. Der zuckersüße Clemens, Masseur und „Mädchen“ für alles im Spa-Bereich, ist das pure Gegenteil. Er ist schüchtern, wahnsinnig höflich, steht auf Chakrenausgleich sowie hawaiianische Heilmethoden und ernährt sich vegetarisch. Er ist stets bemüht, den überwiegend älteren, meist speckigen Gästen respektvoll und alles andere als kompromittierend in die Schwarten zu greifen. Diese Mischung wirkt so unglaublich hilflos, steif und unfreiwillig komisch. Nach außen ist das Hotel ständig bemüht, seinen Schein zu wahren. Hinter den Kulissen brodelt es nicht nur in den Töpfen. Es scheppert, es wird gesoffen und es prallen viele verschiedene Welten aufeinander. In dieser Welt laufen sich natürlich Clemens und Lara über den Weg. Nun heißt es ja immer wieder, Gegensätze würden sich angeblich anziehen. Am Ende des Tages stimmt es zwar nicht, aber für dieses Leinwandliebespaar muss man eine Ausnahme machen. Es haut einen buchstäblich aus den Schuhen, wie sich diese beiden völlig unterschiedlichen Menschen gegenseitig inspirieren, sich auf die Glocke hauen, tief in Wunden greifen und dabei das eine oder andere Kindheitstrauma ans Tageslicht holen.

Da diese deutsche Produktion auf so vielen Festivals der Überraschungsabräumer war, baut „Love Steaks“, der großartige Debütfilm von Jakob Lass, Neugier und ungewollt eine entsprechende Erwartungshaltung auf. Völlig zu Recht hat diese wunderbare Tragikomödie Preise gewonnen. Denn sie ist aufregend anders. Sie wirkt völlig improvisiert, kommt aber daher so authentisch rüber. Neben den beiden glänzend aufgelegten und toll spielenden Hauptdarstellern wurden die weiteren Rollen ausschließlich mit Laiendarstellern besetzt, was an die frühen Komödien des Filmemachers Klaus Lemke erinnert oder aber auch an die Beiträge aus Aktenzeichen XY. Staksig, hölzern, ungelenkig. Komischerweise tut diese Mischung diesem Film extrem gut, denn so entsteht ein dokumentarisch anmutender Einblick in die Arbeitswelt eines Luxushotels.

Gedreht hat Jakob Lass in einem echten Kurhotel an der Ostsee. Seine Dreharbeiten fanden während des laufenden Hotelbetriebs statt. So konnte er in diesen Mikrokosmos mit seinen starren Hierarchien die Nadel exakt setzen und zustechen. Wirklich tragisch, dass sogar eine Revoluzzer-Lara zum Rad im Getriebe wird, was speziell in einer Szene schmerzhaft gebrochen wirkt. Untermalt bzw. verstärkt wird dieses Gefühlskarussell, das man mit den Protagonisten fährt, von einem Soundtrack, in dem unter anderen Andrea Berg, die absurde Spa-Flöte und wuchtige Beats vorkommen.

„Love Steaks“ wirkt neben all den Feelgood- und Schenkelklopferkomödien aus deutschen Landen nicht medium oder gar durch. Diese tragische Independence-Komödie ist blutig, wild und ein echter Rohdiamant. Schleifen übrigens verboten!

Wertung: 9 von 10 

Her

Wir befinden uns in einer gelackten Welt, die so aussieht, wie man sich in den Fünfzigerjahren die Zukunft vorgestellt hat. Die Mode der Protagonisten liefert den Beweis, dass man nur lang genug warten muss, bis die Kleidung von damals wieder angesagt ist. Man(n) zieht die Hose quasi bis unter die Achseln, das viel zu weite Polo steckt im Bund und es kommt noch dicker:  Die Oberlippe ziert ein „Pornobalken“.  Man könnte meinen, dass die Macher dieser Welt Zeitmaschine gefahren sind. Und zwar vorwärts, rückwärts, seitwärts und wieder vorwärts. Somit wirkt der gesamte Look von „Her“ irgendwie merkwürdig. In dieser zukünftige Welt benutzen die durchs Bild laufenden Statisten (man sieht sie so gut wie nie in Gruppen, jeder rennt für sich allein) so etwas wie einen Vorläufer bzw. dann wohl eher Nachläufer des iPhones. Sie halten allerdings ihr Handy nicht ans Ohr. Stattdessen benutzen sie einen schraubenähnlichen Plastikstöpsel, den sie sich in den Gehörgang schieben. Das sieht schon mal recht unbequem aus. In dieser eigentümlich Welt von morgen lebt Timothy (Joaquin Phoenix). Er arbeitet für die Firma „Beautiful-Hand-Written-Letters.com“. Sein Job besteht darin, am Computer zu sitzen und für Kunden wunderschöne Briefe zu diktieren, die dann ausgedruckt so aussehen, als seien sie vom Auftraggeber höchstpersönlich liebevoll mit der Hand geschrieben worden. Vielleicht hätte der Poet doch hier und da auch mal an seine Jugendliebe und Ehefrau Catherine (Rooney Mara) so schöne Worte richten sollen. Stattdessen steht das ehemalige Traumpaar kurz vor der Scheidung. So lebt Timothy jetzt einsam und allein in seiner steril wirkenden Wohnung. Als eine Anzeige auf dem Bildschirm seines Computers aufpoppt, wird seine Aufmerksamkeit geweckt. Der Sprecher des Angebots erzählt irgendwas von der ersten künstlich geschaffenen Intelligenz mit einer eigenen Persönlichkeit, die dich voll und ganz versteht. Der einsame Timothy bestellt das angepriesene Produkt.  Von nun an ist seine ständige Begleitung eine Frau in seinem Ohr, in der Originalversion übrigens von Scarlett Johansson gesprochen, die sich Samantha nennt.

Im Prinzip liefert Joaquin Phoenix in diesem mit einem Oscar für das beste Drehbuch dekorierten Film von Spike Jonze eine One-Man-Show ab. Keine Frage, er spielt diese Rolle großartig. Nur wenige Male in dem Drama, das über zwei Stunden lang ist, spricht er mal mit realen Leuten. Eine davon wird von Amy Adams verkörpert, die gerade von ihrem Mann verlassen worden ist. Sicherlich haben es schon viele selbst erlebt oder zumindest davon gehört, dass man sich unsterblich in eine Telefonstimme verlieben kann. Wir reden natürlich nicht von dieser Art von Stimmen am anderen Ende der Leitung, die einen durch das Menü von diversen Firmen führen. „Wollen Sie dies oder das, dann sagen Sie „Service“. „Service“. „Ich habe Sie nicht verstanden, was wünschen Sie“? „Service!!“. Jeder kennt mittlerweile diese nervigen „Dialoge“. Die vom Computer generierte Samantha ist da wesentlich heller,  sie zeigt Gefühle und hat immer einen witzigen Spruch auf der Lippe.  Die Beiden verstehen sich so gut, wie man sich es nur wünschen kann. Selbstredend, dass Timothy sich unsterblich in sie verknallt.

Der Genuss von „Her“ kann richtig komische Beklemmungen auslösen, die sich beinahe wie ein Alptraum anfühlen und die den Fluchtinstinkt des Menschen animieren. Sitzenbleiben oder den Kinosaal verlassen? Diese Frage kann sich durchaus stellen. Woran das liegt, ist sehr schwer zu erklären. Vielleicht ist der Grund darin zu finden,  dass wir uns alle schon viel zu sehr mit unseren Smartphones befassen und durch Spike Jonzes sehr eigenartigen Film vor Augen geführt bekommen, wie das Ganze enden kann. Auf jeden Fall gehört „Her“ zu den Filmen, die man nicht so schnell vergisst, die zum Diskutieren anregen und die man nicht abschütteln kann wie das verstreute Popcorn nach einem Kinobesuch.

Wertung: Sehr zwiespältige 80%

Philomena

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Die auf wahren Geschehnissen beruhende Geschichte über Philomenas verlorenen Sohn hätte die traurigste der Filmgeschichte werden können. Hätte, wäre nicht der unglaublich gewitzte Stephen Frears („Die Queen“) am Werk gewesen. Als junges Mädchen wird die Titelheldin ungewollt schwanger. Zur Strafe wird das „gefallene“ Mädchen ins Kloster gesteckt. Dort muss sie sieben Tage die Woche in einer Waschküche schuften. Sie bringt unter schlimmsten Qualen ihr in Steißlage liegendes Baby zur Welt. In den Augen der Nonnen ist das die rechte Strafe für ihre Laster und so werden Philomena keine Schmerzmittel verabreicht. Die junge Mutter, die ihren Sohn Anthony heiß und innig liebt, wird gezwungen, ihn zur Adoption freizugeben. Vor lauter Scham wegen ihrer vermeintlichen Sünden fehlt ihr jahrzehntelang der Mut, über diesen unfassbar schweren Verlust zu sprechen. Es vergeht aber kein Tag, an dem sie nicht an ihren Jungen denkt.  An dessen 50. Geburtstag vertraut sie sich aber dennoch ihrer Tochter Jane an. Sie fädelt einen Kontakt zum intellektuellen, kürzlich durch einen Politskandal gestrauchelten Journalisten Martin Sixsmith an. Er hat zwar zunächst mit Geschichten, die die Klatschpresse interessieren, so gar nichts am Hut. Dennoch nimmt er den Job an und begibt sich zusammen mit Philomena auf eine Recherche-Reise von Irland bis nach Washington.

Diese zu Herzen gehende, für vier Oscars nominierte Tragikomödie lebt neben seiner bewegenden Story von seinen glänzenden Darstellern, die der Geschichte viel Herz und Verstand verleihen. Vorneweg dürfen wir die große Dame des britischen Films, Judi Dench, erleben. Sie spielt diese herzensgute Mutter, die ungeachtet ihrer Niederschläge immer an das Gute im Menschen glaubt und sich an höchst trivialen Dingen wie vorhersehbaren Liebesgeschichten erfreuen kann, einfach nur unfassbar gut. Das Gesicht von Judi Dench, ihre Mimik und ihre Bewegungen sind zum Niederknien göttlich. Wäre sie nicht bereits von Queen Elizabeth II zur „Dame of the Order of the British Empire“ ernannt wurden, müsste die Monarchin es jetzt nachholen. Steve Coogan, der britische Comedian, überzeugt ebenfalls in seiner Rolle des Journalisten, der sich eigentlich zu Höherem berufen fühlt. Die beiden zusammen bilden ein äußerst ungleiches Paar, das sich gegenseitig unglaublich bereichert. Der ungläubige Martin entwickelt eine bodenlose Wut auf die Kirche, das Kloster und dessen Bewohner, die der gläubigen Philomena so Entsetzliches angetan haben. Trotz alledem verliert sie nicht den Glauben an Gott, geht immer noch brav zum Beten und kann sich diebisch über kleine Dinge freuen. So ergötzt sie sich ausgiebig an einem kostenlosen Drink im Flieger nach Washington. Und über das tolle Frühstücksbüfett bekommt sie sich erst recht nicht wieder ein. Hier plaudert sie mit dem mexikanischen Koch, der die Omelettes zubereitet, da mit der überfreundlichen Kellnerin, die den Kaffee nachschenkt. Beim abgebrühten Martin erzeugt das eine Mischung aus Fremdschämen, Kopfschütteln und reinster Inspiration.

Die Dialoge, die die Drehbuchautoren (u. a. Coogan himself) dem Leinwandtraumpaar der etwas anderen Art in den Mund gelegt haben, sprühen nur so vor Wortwitz, britischem Humor und Charme.  Es ist ein großes Vergnügen, den beiden völlig ungleichen Menschen zuzuhören. Obwohl sich Philomena ihre Leichtigkeit beibehalten hat, bleibt sie unerbittlich und zielstrebig auf ihrem Weg, ihren Sohn wiederzufinden. Auch wenn sich immer wieder Ängste unter den Wunsch mischen. „Was ist, wenn er fettleibig geworden ist“? Bei den großen Portionen, die in den USA serviert werden, ist diese Furcht durchaus berechtigt. Nur was, wenn es noch viel dicker kommt?

Regisseur Stephen Frears hat mit seiner „Philomena“ eine höchst gelungene Kinoperle abgeliefert, die erfrischt und zugleich das Herz erwärmt, obwohl sie eigentlich traurig und wütend machen müsste. Ganz nebenbei hat er noch eine kleine Liebeserklärung an das traumhaft schöne Irland in seinen Film eingewoben. Dieses wunderbare Werk lehrt uns, dass es durchaus möglich ist, trotz der größten Ungerechtigkeiten, die einem widerfahren, seinen Glauben nicht zu verlieren. Man möchte dieser zauberhaften Dame einfach nur Danke sagen und sie fest umarmen. Phänomenal!  

Wertung: 9,5 von 10 

Das Finstere Tal

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Dass es im Westen nicht nur in Amerika wild zuging, sondern auch in Österreich, mag vielleicht im ersten Augenblick verwundern. Diese Verwunderung weicht aber, sobald man die ersten Szenen von „Das finstere Tal“ gesehen hat. Von der ersten Minute an ist man von diesem Western, der auf dem Romandebüt des Kulturjournalisten Thomas Willmann beruht, gefangen. Mit seiner Leidenschaft für dieses Genre und für Filmmusik im Hinterkopf schuf er sein düsteres Rachedrama, das in einem entlegenen Alpental spielt. In diesem Tal verbreiten der Brenner-Bauer und dessen sechs Söhne Angst und Schrecken. Einer von ihnen wird übrigens richtig gut von Tobias Moretti dargestellt. Noch nie hat man das Herrchen von Kommissar Rex so böse gesehen. Ein sehr dunkles Geheimnis wird von der Dorfgemeinschaft gedeckt. Keiner spricht drüber, aber keiner kann die schrecklichen Dinge vergessen, die vor langer Zeit passiert sind. Dieses Entsetzen darüber ist ihnen noch heute ins Gesicht gebrannt. Kurz vorm nächsten Wintereinbruch, der das Tal von der Außenwelt abschneiden wird, taucht ein junger wohlerzogener Mann auf, der sich Greider nennt. Er hat einen seltsamen Kasten bei sich, mit dem man „Bilder auf Spiegel brennen kann“. Sprich, unsere Dorfbewohner haben bis dato noch nie einen Fotoapparat gesehen. Die Brenners wollen ihn gleich zum Teufel jagen, aber die Handvoll Goldmünzen, die der Greider für die Aufenthaltserlaubnis bezahlt, lassen sie schnell ihre Meinung ändern. Als das Dorf vom Schnee eingeschlossen wird, kommt es zu einem Unfall, bei dem einer der Brenner-Söhne stirbt. Als auch noch der nächste auf seltsame Art und Weise das Zeitliche segnet, waren es nur noch vier, und keiner glaubt mehr an Zufall.

Regisseur Andreas Prochaska hat hier einen richtig wuchtigen und sehr spannenden Film mit grandiosen Bildern abgeliefert. Diesen Schneid muss man erst einmal haben, einen Western in Österreich zu drehen und seine Schauspieler  nicht nur tiefsten Dialekt sprechen zu lassen, sondern sie auch durch tiefen Schnee reiten zu lassen. Dieser Mut wurde bereits mit dem Bayerischen Filmpreis 2014 belohnt. Den jungen Briten, Sam Riley, den Greider aus dem echten Wilden Westen spielen und Deutsch mit Akzent sprechen zu lassen, macht die Story noch authentischer. Neben der jungen Paula Beer, die ganz phantastisch die weibliche Hauptrolle spielt, überzeugt der gesamte Cast. Über das hinaus haben die Masken- und Kostümbildner sowie die Gestalter des Sets ganze Arbeit geleistet.

Optisch und dramaturgisch kann es Andreas Prochaskas aufwändige Produktion durchaus mit einem Tarantino-Western aufnehmen. Im Gegensatz zu den Filmen des Kultregisseurs geht es in dem finsteren Tal völlig humorlos zu, was allerdings überhaupt kein Makel ist. Cowboys österreichisch sprechen zu lassen und dann auch noch kesse Sprüche auf die Lippen zu legen, wäre für dieses Genre mit Sicherheit eine Nummer zu viel gewesen.  

Spannend wird es, wie das Publikum jenseits des Weißwurst-Äquators auf diesen Dialekt-Western reagieren wird. Ihn zu synchronisieren, geht gar nicht. Es würde ein großer Teil des Charmes und des Außergewöhnlichen verloren gehen. Es wäre ein arger Jammer um diesen tollen Film, wenn das mit der österreichischen Mundart nicht all zu vertraute Publikum gleich die Flinte ins Korn – oder sagen wir besser – in den Schnee werfen würde. Es würde ganz bestimmt etwas verpassen. 

Wertung: 9 von 10

#DasFinstereTal